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Die Redaktion

Zwischen den Kulturen verliebt

von Jane Lorenz,
Mitarbeiterin im Bereich Vermittlung & Betreuung von Schüleraustausch

Silja saß in ihrem Hotelzimmer und weinte. Was war bloß geschehen, vor zwei Tagen war sie doch überglücklich gewesen. Alles war so gewesen, wie sie es sich erhofft hatte. Sie hatte hier schnell Freunde gefunden und ihre Gasteltern hatten sie wie ihr eigenes Kind behandelt. Sie waren so stolz auf sie gewesen, als sie letztens beim Schwimmturnier gewonnen hatte. Jedem hatten sie erzählt, dass sie ihre Tochter aus Deutschland sei. Zu Beginn hatte Silja sich häufig nach Zuhause gesehnt, nach ihrem eigenen Bett, nach ihren Freunden und ihrer Familie, aber wenn sie jetzt daran dachte, dass sie Paraguai verlassen sollte, dann wurde es ihr ganz schlecht. Hier war doch jetzt - jedenfalls für die nächsten 7 Monate - ihr Zuhause. Hier waren ihre Freunde. Was die wohl denken, wenn sie morgen nicht in die Schule kommt?

Silja überkam ihr ganzer Kummer von neuem und dabei war sie doch nicht einmal Schuld an dem Dilemma, sie hatte doch nichts getan. Sie war verliebt und glücklich gewesen und wenn ihr Gastvater nicht so gebohrt hätte und sie nicht die Wahrheit gesagt hätte, dann wäre jetzt noch alles beim Alten. Sie würden jetzt wie jeden Abend am Tisch sitzen und es sich nach dem Abendbrot beim Fernsehen gemütlich machen. Sie musste an ihre Gastmutter denken. Ob sie wohl schon Bescheid wusste? Ob sie wütend war?

Die Sache mit Paul, die hatte ihrem Gastvater und ihrer Gastmutter nicht gefallen. Ihr Gastvater hatte ihr immer wieder gesagt, dass es nicht richtig sei für eine junge Frau mit einem Mann alleine gesehen zu werden. Mann!? - Paul war gerade mal 16, so wie sie auch, aber davon wollte ihr Gastvater nichts hören. Er meinte in Südamerika sei das bereits ein Mannesalter und es schicke sich nicht. Es sei für Silja nicht gut und er hätte Angst um sie und ihren Ruf. Die Nachbarn! Es konnte ihr doch egal sein, was die Nachbarn von ihr denken. Sollten sie doch denken, was sie wollen. Aber ihr Gastvater hatte immer darauf beharrt, dass es für sie gefährlich sei, wenn die anderen denken würden, sie sei ein leichtes Mädchen.

Phh, leichtes Mädchen. Paul ist ihr erster Freund und heute war ihr erstes Mal. Sie wollten eigentlich gar nicht so weit gehen, aber dann war es eben doch passiert und Paul war auch ganz zärtlich gewesen. Wie sollte sie denn ahnen, dass ihr Gastvater so ausrasten würde, wenn er davon erfuhr? Sie war sauer auf sich selbst. Schön blöd war sie gewesen, dass sie ihm die Wahrheit gesagt hatte. Aber was sonst hätte sie tun sollen? Ihr Gastvater war früher als sonst von der Arbeit gekommen und als Paul und sie die Treppe runter kamen, saß er auf dem Sofa und rauchte. Er hatte ganz komisch geschaut, aber nichts gesagt. Als Paul dann gegangen war, hatte er sie zur Rede gestellt. Immer wieder wollte er wissen, was sie da oben gemacht hätten und da hatte sie eben die Geduld verloren und ihn angeschrien und ihm gesagt, dass es ihre Sache sei, mit wem sie was machen würde. Sie sei alt genug für Sex und das ginge ihn nichts an. Da war es auch schon passiert der Wandel in seinem Gesicht war, als hätte er eine Maske aufgesetzt. Er hatte sie geschüttelt und ganz schreckliche Dinge zu ihr gesagt. Sein Haus solle sie verlassen – sofort! Sie sei eine Hure und seiner Gasfreundschaft nicht würdig. Es war schrecklich gewesen und sie ist einfach losgerannt. Sie hatte Paul angerufen und nun saß sie hier mutterseelenalleine und alles war nur noch grauenhaft. Sie war erschöpft und todmüde, sie wollte schlafen, aber das konnte sie nicht.

Es war alles ganz schnell gegangen: Ihr Betreuer von der Organisation hatte ihr gesagt, sie könnte nicht in ihre Gastfamilie zurück und sie würden morgen gemeinsam ihre Sachen holen. Sie sei ihrer Gastmutter auch eine Erklärung schuldig, aber das würde sie nicht fertig bringen. Wenn sie doch nur schlafen könnte.

Als Silja aufwachte, schossen ihr alle Gedanken sofort wieder in den Kopf. Das ganze Elend stand mit ihr auf, es war leider kein Traum gewesen aus dem sie erwachen konnte. Der Mann von der Organisation hatte sie geweckt, es sei Zeit zu gehen. Sie müssten jetzt ihre Sachen holen. Silja war nervös. Würde ihre Gasmutter sie vielleicht in den Arm nehmen und sie trösten? Eine wenig Hoffnung glimmte in ihr auf. Als sie aber zu ihrem Haus kamen und ihre Gastmutter die Tür öffnete, schwand ihre Hoffnung. Ihre Gastmutter hatte geweint, das konnte man ganz deutlich sehen. Sie hatte ganz verquollene Augen. Beim Abschied drückte sie Silja nochmals ganz fest und weinte wieder. Jetzt saß Silja im Auto auf den Weg in eine fremde Stadt. Es war noch nicht raus, ob sie nach Hause fliegen würde, es müsste noch einiges geklärt werden, hatten alle gesagt. Die Gastmutter war nicht böse gewesen, nur traurig. Das war schlimm gewesen, viel schlimmer als wenn sie getobt hätte. Die großen traurigen Augen würde sie nie mehr vergessen. Ihr Gastvater war nicht da gewesen.

Ihre Gastmutter hatte gesagt, dass Schande über ihrem Haus läge, man hätte nicht genug auf Silja aufgepasst. Sie sei nun keine Jungfrau mehr und das sei ihre Schuld und die ihres Mannes. Sie hätten versagt und dann sei da auch noch die Sache mit den wüsten Beschimpfungen gewesen. Ihr Mann hätte Silja beschimpft, schlecht behandelt, geschlagen. Da hatte sie wieder geweint. Ihr Mann hatte auch geweint, hat sie gesagt, aber dann war er wieder wütend geworden und ist gegangen. Er würde keine deutsche Tochter mehr haben, hatte er gesagt. Er hätte sich nichts vorzuwerfen, er sei ja da gewesen, aber Deutsche hätten eben doch keine Moral. Silja hätte die Gastfreundschaft einer ehrbaren Familie beschmutzt und sei undankbar. Silja ging es richtig schlecht als ihre Gastmutter dies sagte. Von dieser Seite hatte sie das Ganze noch nicht betrachtet. Als sie wegfuhr und ihre Gastmutter am Eingang stehen sah, wie sie ihr traurig nachwinkte, musste Silja wieder weinen. Sie hatte ihrer Gastmutter zum Abschied gesagt, dass sie ihr schreiben würde, aber da hatte sie abgewinkt und gesagt, es sei nicht gut.

Silja würde ihre Gastfamilie wohl nie wieder sehen. Auf dem Weg in die andere Stadt war ihr alles egal. Sie wollte nur nicht nach Hause, sie dachte an die Schande – ja, sie dachte plötzlich wirklich an die Schande, die sie ihrer Gastfamilie gebracht hatte. Sie hatte erwachsen werden wollen und unabhängig und selbstständig auch. Ja sie war auf jeden Fall erwachsener geworden, aber auch traurig. Sie fing an sich Vorwürfe zu machen. Sie hatte doch eigentlich ganz genau gewusst, dass alle Leute dort schlecht über die Mädchen reden, die keine Jungfrauen waren. Jeder Mann betrachtete sie als Freiwild und hatte keinen Respekt vor ihnen. Sie konnte kaum den Gedanken ertragen, dass ihr Gastvater nun sein Leben lang so über sie denken würde. Plötzlich wurde ihr auch klar, dass auch die anderen – die Nachbarn, die Lehrer, ihre Mitschüler – sie nicht etwa vermissen würden, sondern sie gar nicht mehr als eine der ihren betrachten würden. Sie wäre nicht mehr Silja – die Freundin, sondern sie war plötzlich zu der unmoralischen Deutschen geworden. Es war ihr nun auch egal, dass der Mann von der Organisation sich zwar bemühte nett zu sein und ihr auch sagte, er wisse ja, dass wir Deutschen lockerer mit Sex umgehen, aber das fühlte sich gar nicht gut an. Es gab ihr keinen Trost, sie wollte nicht die lockere Deutsche sein, sie wollte von ihnen gemocht werden und mit ihnen leben. Sie hatte schon davon geträumt, wie ihre südamerikanische Familie zu ihrer Hochzeit kommen würde. Ihre Eltern würden sie kennen lernen und sie würden sich mögen. Eine lebenslange Freundschaft - das hatte Silja sich erträumt und es war ja auch so gewesen. Plötzlich war Silja nicht mehr wütend auf die anderen, sie war nur noch traurig und fühlte sich einsam. Das Schlimmste aber war für Silja die Gewissheit, dass sie ganz alleine an dieser Misere schuld war. Sie hatte die Regeln, die sie kannte nur solange ernst genommen, solange sie nicht gegen ihre eigenen verstießen. Sie hatte eigene Regeln aufgestellt und nun war sie allein. Sie traf einen Entschluss. Sie würde nicht heim gehen, sie würde die Organisation bitten, ihr noch eine Chance zu geben und das größte Problem dabei würde nur sein, ihren Vater davon zu überzeugen, dass sie erwachsen genug sei und es schon schaffen würde. Ihre Mutter hatte lange mit ihr gesprochen. Sie machte Silja keine Vorwürfe, aber auch sie machte sich Sorgen. Ein neuer Anfang und dass mit der Trauer im Herzen, sie war sich nicht sicher, ob das so gut für Silja sei. Silja aber wollte nur noch eins: Sie wollte sich selbst zeigen, dass sie es schafft. Sie wollte von den Menschen geachtet werden, die ihr ihr Land und ihre Gastfreundschaft gegeben hatten. Sie wollte zeigen, dass sie keine Deutsche mit unmoralischen Werten ist. Traurig dabei war nur, dass sie es denen, die sie enttäuscht hatte, nie würde sagen können. Traurig war auch das Wissen darum, dass sie dafür gesorgt hatte, dass in dieses Dorf wohl so bald keine Austauschülerin mehr kommen würde. Der Mann von der Organisation hatte ihr erklärt, dass die Lehrer bereits angedeutet hätten, dass für nächstes Jahr kein Platz für Austauschschüler vorhanden sei.

Silja hat ihr Austauschjahr dann auch wirklich zu Ende gebracht. Es war auch noch sehr schön. Im Schwimmen hatte sie noch einen Pokal gewonnen und sie hatte auch wieder Freunde. Paul hatte sie geschrieben, dass sie sich erst in Deutschland wieder sehen würden. Er wohnte nur eine Stunde entfernt und hatte nicht so richtig Verständnis für Siljas Entscheidung. Sie wollte es aber so haben. Silja war manchmal sehr einsam. Besonders Weihnachten ging es ihr sehr schlecht. Sie vermisste ihre Eltern, ihre Freunde und musste oft an ihre Gastmutter und ihren Gastvater denken. Immer wieder sah Silja die beiden vor sich, mal lachend als wäre alles noch gut, aber auch oft weinend wie beim Abschied.

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