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B. R.

Zu Hause

Was ist das wünschenswerte Ergebnis seines Austauschjahres? Eine zweite Familie, ein zweites zu Hause, eine zweite Heimat, oder nicht?

Zu Hause, was ist das? Was ist Sehnsucht nach dem zu Hause? Schmerzt Heimweh wirklich, so wie es einem die zweite Silbe dieses Wortes glauben machen möchte? Zu Beginn meines Austauschjahres hielt ich es für wenig wahrscheinlich, mich einmal nach meinem Dorf, der Lärche vor unserer Haustür und dem in einer einmalige Konsequenz viel zu zeitig angesetzten Frühstück mit der ganzen Familie zurückzusehnen. Die Bewerbung bei der Austauschorganisation, die Vorbereitung, die Fahrt zum Flughafen - das alles war ein großes Abenteuer für mich und ich verbrachte herzlich wenig Zeit mit dem Nachdenken darüber, was ich drauf und dran war, zurückzulassen.

Die ersten Signale eines Verlustes zeigten sich nach dem Willkommen meiner künftigen Gasteltern. Ich verstand kaum ein Wort. Vermutlich war es auf umgekehrter Seite ähnlich, denn wir kamen schnell zu der stillschweigenden Übereinkunft, uns der Einfachheit halber ein ständiges Lächeln zu schenken. Im Zweifelsfall nickte ich auch mal zustimmend. Als ich beim Abendbrot den zweiten Nachschlag über den Hunger bekam, wußte ich, daß diese Methode schwerlich ein Jahr lang aufrechtzuerhalten war.

usa_in_indy_downtown02.jpgMein neues Zuhause, gross, weitläufig und vorerst unbekannt.


Nun, das gab sich auch mit der Zeit. Ich erlernte, das Kauderwelsch in einzelne Worte, Bedeutungen und Sinnzusammenhänge zu zerlegen und fühlte mich auch gleich ein Stückchen weniger hilflos. Die Tage allerdings wurden dadurch nicht weniger anstrengend. Ständig sagten mir neue Menschen "Hallo" und nachdem sie meinen Namen und Herkunft erfahren hatten, erzählten sie mir, wie "schön es wäre mich da zu haben", lächelten und schon wurde ich weitergereicht. Auf diese Weise lernte ich die Gesichter vieler Menschen kennen. Aber was half mir das?

Zu Hause erkannte ich immer am Mienenspiel und der Gestik meiner Eltern, in welcher Stimmung sie sich gerade befanden, ob ich in Deckung zu gehen hatte oder ob die Situation vielleicht gerade günstig war, eine meiner vielen berechtigten Interessen zur Sprache zu bringen. Und hier?

Mehr noch, wenn ich zu Hause traurig einherschaute, mich zurückzog oder flapsig daherredete, gab es Standards die in Gang gesetzt wurden. Entweder setzten sich meine Eltern einfach zu mir, fragten nach oder meine Mutter kochte Pflaumenknödel zum Mittag. Auf jeden Fall aber passierte etwas und ich konnte mir schon vorher ausrechnen, was das war. In meiner neuen Familie war das schon schwieriger. Nicht nur daß man hier keine Pflaumenknödel kannte (das hätte sogar schon am notwendigen Kochgerät gescheitert), nein, es wollte sich auch partout keiner zu mir setzen, als ich einsam und deprimiert in meinem Zimmer darauf wartete.

So lernte ich, daß zu Hause ist nicht da ist, wo man sich gerade befindet. Es ist auch nicht da, wo man meine Sprache spricht. Zu Hause ist da, wo das Leben einfach ist. Es ist dort, wo ein Verhalten nicht des vorherigen Nachdenkens um seine Angemessenheit bedarf. Zu Hause sein bedeutet, ohne ein Wort sprechen zu müssen, alles zu verstehen und verstanden zu werden. Es ist die vollkommene Geborgenheit. Nach der Rückkehr aus meinem Austauschjahr merkte ich, daß mir diese Einfachheit des Seins nun an zwei Orten dieser Welt begegnet. Zu Hause und zu Hause, und immer bei einer, meiner Familie.

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