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Die Redaktion

Ausgerechnet Swasiland

Der Alptraum aller Eltern von Austauschschülern: das Kind, allein und tausende Kilometer entfernt, hat Heimweh, will zurück nach Hause, überlegt und entscheidet sich schließlich den Auslandsaufenthalt abzubrechen.

Mit genau dieser Situation wurde die zweifache Mutter, Katharina Schulz, im Jahr 2008 konfrontiert. Deren damals 18-jährige Tochter Sarah hielt sich gerade im südafrikanischen Swasiland auf, wo sie an einem College gemeinsam mit Jugendlichen aus aller Welt ein Internationales Abitur absolvieren wollte. Doch schon nach kurzer Zeit kamen erste zweifelnde Mails und Anrufe. Im Januar 2008 schreibt Sarah sehr reflektierend: Junge Menschen aus aller Welt kommen zusammen und machen sich für eine Sache stark. Die Idee finde ich toll, doch hat sich für mich viel zwischen meiner Zeit der Bewerbung und dem Zeitpunkt der Ankunft geändert. Obwohl ich das, was hier ist und das was mich erwartet, stark zu schätzen weiß, bin ich mir nicht sicher, ob dies die Erfahrung ist, die ich erleben möchte und ob es das ist, was ich für mich für die nächsten 2 Jahre möchte.

Was war passiert? Wie konnte es trotz langer, intensiver und genauer Vorbereitungen zu diesem Wandel kommen? Lag es wirklich nur am Heimweh? Wie sollte die Mutter sich verhalten und würde sie ihrer Tochter über diese Distanz überhaupt helfen können?

Katharina Schulz reagierte zunächst ruhig und besonnen. In Telefongesprächen bemühte sie sich um eine objektive Sichtweise und versuchte, ihre Tochter emotional zu unterstützen. Für die Mutter keine leichte Situation – auch auf Grund der Distanz. "Ehrlich gesagt, war ich schon etwas überrascht, als die Wahl ausgerechnet auf das Swasiland fiel. Nicht nur wegen der Kosten. Sie war so weit weg und dort hätte ich sie noch seltener besuchen oder erreichen können, als zum Beispiel in Frankreich oder Großbritannien."

Katharina Schulz ist jedoch eine Kämpfernatur und sie begriff das internationale Abitur auch als Chance für den beruflichen Weg ihres Kindes. "Die Idee, bei den jungen Menschen anzufangen und ihnen Respekt für das Leben beizubringen, hatte mich von Anfang an überzeugt." Aus diesem Grund traf sie mit ihrer Tochter eine Verabredung: Sarah sollte die folgenden 6 Wochen abwarten und sich dann entscheiden. In dieser Zeit telefonierten Mutter und Tochter viel und diskutierten die Situation. Ihnen war klar, dass ein Ausstieg aus dem Programm manches Problem zwar würde lösen können, doch dafür wären andere unausweichlich. So müsste Sarah sich gegenüber allen privaten Unterstützern erklären, der Studienplatz und das Stipendium wären verloren und natürlich würde der Gedanke versagt zu haben, Sarah noch lange beschäftigen. Also keine einfache Entscheidung.

Von allen Seiten kamen natürlich gute Ratschläge, dass Sarah dieses Heimweh aussitzen und einfach durchhalten müsse. Aber die besorgte Mutter wollte ihrer Tochter soviel Eigenvermögen zugestehen, eine eigene und vor allem bewusste Entscheidung zu treffen. "Hinzu kam noch, dass meine Tochter ihren Freund recht kurz vor der Abreise kennengelernt hatte, was die Situation nicht gerade erleichterte." Darüber hinaus gab es noch einen Aspekt, der eine zügige Rückreise beförderte, nämlich den des Zeitdrucks: denn wenn Sarah so schnell wie möglich nach Deutschland zurückfliegen würde, bräuchte sie das Schuljahr nicht wiederholen. Erst Jahre später kann Katharina Schulz das Hauptproblem beschreiben: "Gerade 16- bis 18-jährige hängen stark an ihrem Zuhause, auch wenn sie es nicht zugeben würden. (...) Das Leben von Teenagern ändert sich so rasant schnell, dass Dinge, die sie vor einem Jahr gut finden, heute schon wieder unwichtig sein können."

Am Ende entschied Sarah, das Programm abzubrechen. Nicht so sehr wegen des Heimwehs. Vor allem die Situation vor Ort hatten sie dazu bewogen. "Ein großes Problem war für mich, dass es uns im College, das bestens ausgestattet war, wirklich sehr gut ging und dann kamst du da von diesem Berg runter, wo die Leute ihre Sachen am Fluss waschen und unterm Wellblechdach leben; das SOS-Kinderdorf war nur wenige Meter von uns entfernt. Das waren einfach so komplett konträre Verhältnisse und ich war damit überfordert", sagte Sarah später. Ihr anfänglicher Idealismus war mit der knallharten Realität vor Ort konfrontiert worden. Zwei Jahre lang diese ungerechten Verhältnisse mit ansehen zu müssen, das war einfach zu viel für die Heranwachsende.

Natürlich hatten Sarah und ihre Familie nach der Rückkehr viel aufzuarbeiten - nicht nur gegenüber der Organisation oder den privaten Unterstützern, sondern auch für sich selbst. Für Katharina Schulz steht im Nachhinein fest: "Ich hätte mir gewünscht, dass die Schattenseiten und Probleme vorher besprochen werden und auch Rituale verabredet, wie man Heimweh löst." Überhaupt, betont die Mutter, läge darin auch eine Verantwortung der Organisatoren, nicht nur wegen eines möglichen Abbruchs. Denn Familien, die ihre Kinder und sich selbst auf diese Zeit vorbereiten, sehen vor allem erst einmal die organisatorischen oder finanziellen Herausforderungen. Selbst in der Vorbereitungsphase und den Kursen der Austauschorganisation seien vor allem die positiven und lobenswerten Aspekte des Programms in den Vordergrund gerückt worden. Eine bewusste Auseinandersetzung mit Problemen wie Heimweh oder Kulturschock wäre sinnvoll gewesen. "Diese Information durch die Organisation habe ich vermisst. (...) An diesem College kamen so viele unterschiedliche Kulturen und Religionen zusammen, dass Probleme oder Konflikte kaum vermeidbar sind. Außerdem geben die vielen Reglementierungen und Strukturen ja schon ein gewisses Konfliktpotenzial vor. Und wenn die Jugendlichen sich dann auch noch fremd fühlen, wie soll man das als Elternteil so weit entfernt auffangen?"

Dennoch empfindet Katharina Schulz heute, dass die damals getroffene Entscheidung ein wichtiger Schritt für Sarahs Persönlichkeitsentwicklung bedeute. Ihre Tochter sei erwachsen geworden und habe ihren Weg selbst bestimmt. Vor allem aber habe sie sich ehrlich mit den Konsequenzen auseinandergesetzt. Wie die mittlerweile 21-jährige Kulturarbeitstudentin das gemacht hat, erfahrt Ihr in unserem Interview.

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