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B. R.

Simple Life

Worin besteht das Ziel eines Austauschjahres? Sicherlich gibt es einige davon, aber das wichtigste ist das Finden eines neuen Zuhauses. Oder?

Vor kurzem, bei einer Unterhaltung mit einer ehemaligen Austauschschülerin, wurde ich mit dem Begriff des "einfachen Lebens" konfrontiert. Sie verriet mir, daß sie sich ein solches manchmal wünsche und dabei immer an das Lied "Simple Life" von No Doubt denken muß.

Als erstes haben mich diese Worte an die Zeilen einiger Nutzer unseres Forums erinnert. Sie beantworten Fragen und Befürchtungen angehender Austauschschüler mit einer "Du wirst das beste Jahr Deines Lebens haben" - Einstellung, die die Zweifel und Gedanken der Fragenden nicht so richtig ernst zu nehmen scheinen.

Eine solche Erwartung an das Austauschjahr kann sogar wahr werden, solange "bestes" Jahr kein Synomym für "einfach" ist. Die Zeit in einer fremden Umgebung muß nicht einfach sein, es ist sogar sehr wahrscheinlich, daß es gerade das nicht ist. Einfach ist das Leben zu Hause in der Heimat.

Dort kenne ich die Regeln, das Verhalten und die Gewohnheiten der Menschen um mich herum. Ich weiß, daß, wenn meine Mutter wutentbrannt die Treppe heraufstürmt, ich ihr am besten mit großen, erstaunt einherblickenden Augen und mit einem gut getarnten, und so nur andeutungsweise erkennbaren, Lächeln begegne. In 70 Prozent aller Fälle lachen wir dann nach einer Minute gemeinsam und sie ärgert sich, daß es ihrem Sohn wieder einmal gelungen ist, sie um den Finger zu wickeln.

Bei meiner Gastmutter habe ich dies auch versucht, doch ich konnte mir noch soviel Mühe geben, meine Mundwinkel noch so offensichtlich zucken lassen - funktioniert hat es nie. Hier hatte ich keine passende Verhaltensweise parat die mir half, die Folgen der durch mich angerichteten Verstimmungen in unkomplizierter Art und Weise zu minimieren. Die Folge war, dass ich gezwungen war, ein braver Austauschsohn sein. Ich konnte mich nicht so bewegen, nicht denselben Blödsinn machen wie zu Hause. Es dauerte lange bis ich herausfand, dass bei meiner Mom eine einfache Umarmung mehr half, als als alles andere.

Nun, die Geheimwaffe eines Austauschsohnes, in meinem Fall die Umarmung, wird mit dem Ende des Austauschjahres unwirksam. Deshalb ist das‚ einfache Leben‘ eines Austauschschülers auch ein bißchen kurz. Es beginnt mit der Kenntnis mütterlicher und väterlicher Schwächen und endet im Flieger.

Jetzt, Jahre nach der Rückkehr aus meinem Austauschjahr merke ich, daß ein "einfaches Leben", das Leben in einer bekannten Umgebung, etwas sehr schönes, wichtiges und erholsames in mein Leben bringt. Gar an mehreren Orten dieser Welt ein einfaches Leben haben zu können, ist ein noch schöneres Gefühl.

Aber wer es auf Dauer einfach hat, bleibt stehen. Deshalb kann das "Simple Life" nur von begrenzter Dauer sein. Nicht immer setzt man sich in den Flieger, um in einer Gastfamilie zu leben, aber man beginnt Beziehungen, arbeitet sich in einen neuen Beruf ein, sucht sich neue Freunde, eine neue Herausforderung. Auch das tägliche Leben in der Heimat besteht aus einer Aneinanderreihung vieler kleiner interkultureller Austausch- und Begegnungserfahrungen.

So betrachtet besteht auch ein Austauschjahr aus täglichem Leben, dem täglichen Leben in einer zuerst fremden, dann zunehmend familiäreren Kultur. Die Unterschiede zu dem Leben zu Hause sind der abrupte Beginn und Ende dieses Lebensabschnittes, das Ausmaß der kulturellen Unterschiede und die daraus resultierende Intensität des Lebens. Ein Austauschschüler muß nicht nur die Schwächen seiner Gastmutter, sondern auch grundlegende, ansonsten als normal und für gegeben hingestellte Dinge des Lebens neu erlernen, überdenken und darauf reagieren.

Dann, erst dann, wenn sich das einfache Leben in der neuen Kultur eingestellt hat, ist ein Ziel eines Austauschjahres erreicht. No Doubt!

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