Wer ist wirklich geeignet? Die Sicht einer Gastmutter

Der eine macht sie sich, der andere nicht: Gedanken, ob er/sie überhaupt geeignet ist, für ein Jahr in einer neuen Familie zu leben. Was aber meinen die Menschen dazu, die es betrifft?

Ich hab mit sehr viel Interesse den Forumsbeitrag „Wer ist wirklich geeignet?“ gelesen. Da ich als Mutter ja selbst nur die "Nebenerscheinungen" meiner Töchter mitbekomme (die reichlich, und auch zu verarbeiten sind...), allerdings die ganze Austauschgeschichte von der Gastelternseite HAUTNAH erlebe - und zwar ziemlich gegensätzlich - , fiel mir doch einiges zu eurem Thema ein.

Ich bin eine Mutter von einer ehemaligen ATS und einer zukünftigen ATS (jetzt im Sommer) und habe im letzten Jahr eine kolumbianische ATS für drei Monate hier bei uns aufgenommen und habe jetzt im Moment eine neuseeländische ATS für ein Jahr hier. (Natürlich nicht nur ich...sondern WIR). Ich möchte zu dem Thema einfach mal die Sicht einer Gastmutter aufzeigen:

Toechter & kolumb ATSMeine beiden Töchter mit Elisabet - der kolumbianischen ATS.



Selbstständigkeit - ja gerne!

Wir haben festgestellt, dass das nicht nur ein wichtiger Teil, sondern auch ein notwendiger Teil eines gelungenen Austausches ist. Gerade in Südamerika werden die Jugendlichen lange nicht so selbständig erzogen, wie hier bei uns in Deutschland. Wir hatten doch einige Schwierigkeiten damit, unserer kolumbianischen ATS das für Deutschland notwendige Mindestmaß an Selbständigkeit beizubringen.

Sie musste mit dem Zug zur Schule fahren, musste allein auf die Zeit achten (wegen Abfahrtzeiten...), hatte noch nie in ihrem Leben selbst Wäsche gewaschen - ca. 50% ihrer Wäsche war aber nur von Hand zu waschen...., hatte sich noch nie ihr Frühstück (oder ihr Schulbrot) alleine gemacht und war noch nie allein in einer Großstadt (Hamburg, in deren Nähe wir wohnen) unterwegs. Prompt wurde ihr in der S-Bahn das Portemonnaie geklaut - mit samt Ausweis, gekaufter Bahncard, Versicherungsnachweis, Monatskarte, usw.

Das kann natürlich jedem passieren, aber sie war die Situation nicht gewöhnt und hatte einen offenen Beutel mit. Leichtes Spiel, wo eigentlich jeder Jugendliche weiß, dass er darauf besonders achten muss. Sie setzte sich dann auf den Bahnsteig und wollte nie mehr aufstehen. Sie war handlungsunfähig. Meine "kleine" Tochter, die mit war, musste "Mama" spielen.

Das waren nur so die herausragendsten Beispiele. In Neuseeland leben die Jugendlichen offensichtlich selbständiger. Hier war nach dem Kennenlernen der Gegebenheiten nach drei Tagen alles klar und lief von allein.

Aber: diese Selbständigkeit führte auch dazu, dass nicht viel in der Familie gefragt oder besprochen wurde und so von unserer Seite ständig NACH dem Handeln kritisiert und geklärt werden musste, was "erlaubt ist" oder "üblich" und was nicht. Das war nicht nur nervig für uns, sondern gibt auch der Austauschschülerin kein gutes Gefühl!

Toechter & kolumb ATSMeine Töchter.



Anpassungsbereitschaft - ja bitte!

Vieles ist neu - vieles ist anders. Da stürmt vieles auf den ATS ein. Die Bereitschaft, zu beobachten, wie was gemacht wird, wie die Abläufe sind, wie die Hintergründe sind ist erst mal die Voraussetzung für eine erfolgreiche Eingliederung.

Auch da haben wir große Unterschiede kennengelernt. Zum Beobachten gehört auch, dass man sich selbst mal in den Hintergrund stellen und zurücknehmen kann, nicht gleich losprescht mit seinen eigenen Gewohnheiten.

Wenn jemand mit der Einstellung ins Ausland geht: „Hoppla, jetzt komm ich... und ich bin etwas Besonderes, weil ich von soweit herkomme“, dann KANN derjenige gar nicht in Ruhe beobachten. Das bedeutet dann auch, dass derjenige an vielen Wahrnehmungen von für ihn Neuem, Andersartigem vorbeirauscht, sich damit selbst in Schwierigkeiten bringt und nicht verstehen kann, warum.... (siehe oben...Kritik von der Gastfamilie).

Das bedeutet für mich INTEGRATION in eine Familie. Das gleiche gilt dann auch nicht nur für die Familie, sondern auch für den Bereich Schule und die Freunde.

ATS NZL & kleine TochterTrine, unsere neuseeländische Austauschschülerin, mit meiner "kleinen" Tochter.



Offenheit - auf jeden Fall!

Dazu gehört auch, sich ganz bewußt von allem zu verabschieden, was man bisher in seiner eigenen Sozialisation seiner eigenen Kultur gelernt hat. Es ist ein Fehler, ständig die eigenen Erfahrungen und Gewohnheiten mit denen im Gastland zu vergleichen. Dabei schneidet das Gastland automatische immer schlechter ab!

Jeder Austauschschüler sollte sich ganz bewußt sein, dass er eine Situation selbst gewählt hat, in der er erst mal GAR NICHTS weiß und mit offenen Augen und offenem "mind" eine Expedition in ein unbekanntes Land mit unbekannten "Gepflogenheiten" macht (egal, wieviel er vorher schon darüber gelesen oder gehört hat!).

Osterfeuer, loeschenUnsere Töchter beim Osterfeuer.



Abschließend:

Nach unseren bisherigen Erfahrungen halten wir einen Jugendlichen dann für fähig, ein Austauschjahr zu machen, wenn er sich in erster Linie wirklich offen zeigt, bereit ist, sich zurückzunehmen und zu beobachten und sich anzupassen.

Die Selbständigkeit ist zwar ganz schön und auch für Gastfamilien und das restliche Umfeld (Schule, Freunde) ganz bequem - aber die anderen Punkte halte ich für wichtiger, denn die Familien nehmen ein neues FAMILIENmitglied auf und das heißt, dass derjenige nach den Familienstatuten leben wird. Mit Selbständigkeit allein ist das nicht getan, denn jede Familie - davon gehe ich aus - gibt mit der Entscheidung der Aufnahme einen Vertrauensvorschuss an den Austauschschüler und möchte auch emotional etwas zurückbekommen. Nicht die Gastfamilien ändern ihr Leben (zumindest nicht grundlegend), sondern der ATS!

Wir jedenfalls haben zu unserer kolumbianischen Gasttochter, die nur für drei Monate hier war, ein wesentlich herzlicheres Verhältnis gehabt (und jetzt immer noch), obwohl sie uns mit ihrer Unselbständigkeit eine Menge Sorgen bereitet hat. Sie hat sich aber letzlich viel besser in unsere Familie integriert und die notwendige Selbstständigkeit innerhalb der drei Monate gelernt. Zu unserer neuseeländischen Gasttochter, die sehr selbständig ist, aber sich nicht in unsere Familie integrieren und nicht nach unseren Regeln leben kann, ist das Verhältnis nicht so herzlich. So ist unsere Neuseeländerin nach jetzt drei Monaten immer noch "Gast" bei uns. Auch bei ihren Freunden. Und auch sie selbst fühlt sich nicht so wohl damit.

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