Juliane H.

Juliane H.

USA 1997/98
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Mum und Mama haben, keine Illusion !

Juliane berichtet, daß zum Leben eines Austauschschülers eine Mama und eine Mum gehören können und man sich bei beiden zu Haus fühlen kann.

Ich bin ein Menschenkind, das weiß, wie unstillbar groß sein Bedürfnis nach Geborgenheit ist.

Für mich stand schon ziemlich zeitig - in der 7. Klasse fest, daß ich mich auf das Austauschabenteuer einlassen wollte. So betonte ich jedes Jahr erneut meiner Mama meine Absicht, ein Jahr ohne meine vertraute Umgebung klarkommen zu wollen.

Im nahen Vorfeld meines Abflugs machte ich mir viele Gedanken zum Verhältnis zu meiner Gastfamilie und wußte aus dem Bauch heraus, daß ich meine Gastmutter nur beim Vornamen nennen wollte.

Das Wort, der Name "Mama" hat mit so viel Gefühl, so viel Liebe und Vertrauen zu tun, daß es mir undenkbar schien, eine Fremde so zu rufen. Außerdem habe ich ja meine Mama, deren warme Stimme ich auch unter Narkose noch aus zig tausend anderen raushören würde.

Zu meinen Überlegungen gesellte sich zudem die Tatsache, daß ich zwei Gastgeschwister haben würde, die mir wahrscheinlich mit Unverständnis, Eifersucht oder gar Ablehnung begegnen könnte, erhiebe ich Anspruch auf solch liebevolle Klänge, die eigentlich nur ihnen mit ihrem schützenden Herzschlag, dem Urton an sich, Herangereiften, vorbehalten sind. Ein schlechtes Verhältnis zu Anfang wollte ich nicht riskieren.

Ausschlaggebend meine " Anti - Zwei - Mal - Mama"- Auffassung betreffend, blieb meine Bauchstimme, die kein Verlangen nach einer anderen "Mama" bezeugte.

In meine amerikanische Familie lebte ich mich schnell, lebendig und wohlig ein. Von Anfang an nahm ich ein harmonisches Miteinanderschwingen wahr, daß sicherlich auch an der beiderseitigen Bereitschaft lag, sich aufeinander einzulassen.

Besonders inniglich gestaltete sich die Beziehung zu Linda, meiner Gastmama, mit der ich oft abends zusammen saß und über traurige und ausgelassen fröhliche Momente in meinem Leben sprach. Auch sie ließ mich, ihre Austauschtochter wie sie sagte, an ihrer Lebens- und Familiengeschichte teilhaben - ein Austausch, der von Intimität zeugt.

Wir kochten und musizierten gemeinsam und erstellten eine Liste mit unseren Lieblingsfilmen für den anderen, die wir kontinuierlich "abarbeiteten".

Nach circa einem halben Jahr formte sich in mir der fragende Gedanke: Will ich sie "Mum" nennen? Eine warme, lächelnde und anheimelnde Verbindung hatte sich zu ihr entfaltet, die nach empirischem Ausdruck rief. Daher war ich schon gespannt, wie sie auf meine kleinen Liebesbriefchen reagierte, die ich mit : "Hey Mom" zu betiteln begann.

Irgendwie hatte sich unsere zarte Bekundung zur äußeren Welt hin ganz fließend mit den Wandlungen unseres Verhältnisses ergeben. Erst bekundeten wir unsere vertrautere Bindung auf Nachrichtenzetteln, bis ich Linda dann in nahen Momenten "Mom" wie selbstverständlich nannte.

Lustig fand Linda meine britische Namensprägung, die ich später durch die amerikanische "Mum"-Version ersetzte. Denn schließlich war ich in Amerika, was ich unterstreichen wollte.

Während meines Aufenthaltes im "Land der Extreme" telefonierte ich wöchentlich mit zu Hause. Ab und an hörte ich aus den Gesprächen mit meiner Mama einen Hauch Angst heraus. Angst davor Teile meiner töchterlichen Liebe einzubüßen, was unbegründet war, denn für mich gab es nur eine Mama auf der Welt - meine Mama - deren Platz in meinem Herzen niemand anderes einnehmen konnte und kann.

Parallel dazu begann "Mum" für mich zu existieren. Deshalb freute es mich, daß beide trotz Sprachbarriere persönlichen Kontakt zueinander aufbauten, aus der beruhigenden Freude meiner Mama heraus, mich in solch guten und warmen Händen zu wissen. Zudem wollte Mum Mama Anerkennung dafür zukommen lassen, daß ich unter Mamas Dazutun so geworden war wie man mich erlebte. Diese dankbare Herzlichkeit von beiden Seiten berührte mich sehr und füllte mich mit einem rundlichen Glücksgefühl.

Rückblickend, mit all meinen in mir lebendigen Erinnerungen, kommt mir "Mum" noch leichter über die Lippen, denke ich an Linda, weil ich unser Beisammensein dankbarer und schätzender noch in mir trage - jetzt wo mir ihre Umarmungen fehlen. Mit innerer Ruhe weiß ich um unsere bleibende Bindung. Meine Mum hab ich irgendwie sicher, auch wenn ich das vorher nur von meiner Mama behaupten konnte, die mir ihre Liebe versichert, egal was kommen mag.

Nun erwarte ich den Tag, an dem Mum Mamas Einladung zum Kaffeetrinken in unserem Garten einlöst. Denn dann wird unser "Bauch an Bauch - Brust an Brust" -Umarmungsbrauch Wirklichkeit für uns drei zusammen.

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