Anonym A.

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Einfach zuviel

Eine sehr traurige Geschichte die nachdenklich stimmt. Sie zeigt, wie wichtig es ist, die eigenen Fähigkeiten und die Anforderungen eines Austauschjahres richtig einzuschätzen.

Anmerkung: Diese Schilderung fanden wir im November 2002 in unserem Forum, geschrieben von einer anonymen Autorin. Wir haben ihn sorgfältig und ohne inhaltliche Änderungen für die Veröffentlichung bei Ausgetauscht.de adaptiert.


Ich weiß es ist schwer, wenn man sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Man möchte dann genau das unbedingt machen. Aber ich gebe dir jetzt ein Beispiel woran du erkennen kannst, dass es das nicht wert ist.

Ich war vor zwei Jahren Austauschschülerin. Mit mir in die Schule ging eine andere deutsche Austauschschülerin mit der ich mich sehr gut verstand. Sie war ziemlich dünn, aber ich habe mir dabei eigentlich nichts gedacht. Ich meinte, es gibt ja Menschen die von Natur aus superdünn sind, essen wie ein Scheunendrescher und dabei trotzdem nicht zunehmen. Und ich dachte eben, sie wäre so eine. Im Beisein von Freunden aß sie auch ganz normal.

Dann bekam sie ihre ersten Probleme mit ihrer Gastfamilie. Da passierten einige ziemlich schlechte Dinge und sie litt furchtbar darunter. Dann, nach einem Monat hat sie gewechselt, und sie schien sichtbar glücklicher. Doch dann kam eine ganz schlimme Zeit mit einem furchtbaren Heimweh. Zusätzlich hatte sie Schwierigkeiten in der Schule und sie machte sich dauernd selbst Stress, anstatt alles etwas lockerer zu sehen. Da hatte sie den ersten von mehreren Nervenzusammenbrüchen – und das in der Schule.

Ich selbst konnte ihr leider auch nicht wirklich zur Seite stehen. Ich hatte meine eigenen Probleme zu bewältigen und zudem hatten wir zwei unterschiedliche Freundeskreise. Trotzdem bemerkte ich, dass sie noch dünner wurde und blass zudem. Ich wusste, dass sie einige Anpassungsprobleme hatte, dachte jedoch, das würde nach einiger Zeit vorbei gehen.

Dann kam sie eines Tages zu mir und meinte, sie habe total große Probleme mit ihrer Gastfamilie – weil sie sich weigerte, Fleisch zu essen und weil ihre Familie zudem ein neu geborenes Kind hatte. Diese schreie nachts und hielte die ganze Familie auf Trab. Kurz und knapp, sie wollte wieder wechseln. Ihre lokale Koordinatorin fand auch schnell eine neue Familie. Diese war jedoch gerade auf einer Geschäftsreise, wollte sie jedoch danach gern aufnehmen. Also sprach ich mit meiner Gastfamilie, ob wir meine Freundin nicht für diese eine Woche aufnehmen könnten und meine Familie war einverstanden.

In der Zeit, in der sie bei uns wohnte, wurde mir erst richtig bewusst, wie schlecht es ihr ging. Sie aß fast nichts und auffällig. Oft befand sie sich im Badezimmer oder im Laden gegenüber von unserem Haus. An einem Tag war ich richtig geschockt. Ich war gerade im Badezimmer um den Müllbeutel dort zu leeren. Als ich ihn öffnete fand ich einen riesengroßen Büschel Haare darin, eindeutig die meiner Freundin. Da mir das nun doch alles reichlich merkwürdig vorkam, sprach ich sie an, doch sie ignorierte meine Frage total... zudem war es auch noch der Tag, an dem ihre neue Familie sie abholen sollte...

Am nächsten Tag sah ich sie in der Schule wieder. Sie sah sehr schlecht aus. Blass. Abgemagert und ich weiß auch nicht - einfach erschreckend. An diesem Tag hatte sie dann auch einen totalen Zusammenbruch. Sie wurde ohnmächtig und fiel für einige Tage ins Koma, da ihr Körper so entkräftet war. Ich war geschockt und hab einfach nur geheult...
Sie verbrachte dann ein Vierteljahr im Krankenhaus hier in Amerika, weil die Ärzte sie in diesem Zustand nicht fliegen lassen wollten... ist ja auch klar... Ich erfuhr dann, dass sie schon zuvor Bulimie und Magersucht hatte und geglaubt hatte, dass sie hier ihre Probleme bewältigen könnte. Doch der Riesenstress mit dem Heimweh und der ewige Familienwechsel waren einfach zu viel.

Wie gesagt, nach ungefähr vier Monaten durfte sie dann endlich nach Hause fliegen. Sie schwor mir, dass sie sich bessern will und das sie die Krankheit im Griff hätte. Ich hatte regelmäßigen Kontakt und als ich wieder zurück in Deutschland war, fuhr ich sie sogar besuchen. Sie sah sichtlich besser aus, aber immer noch ziemlich dünn. Sie erzählte mir, dass sie in einer Therapie sei und das alles... Ich glaubte wirklich, sie würde es schaffen.
Nach meinem letzten Besuch ebbte unser Kontakt etwas ab. Wir beide hatten uns ziemlich verändert und ich hatte mein eigenes Leben. Vor einem halben Jahr erfuhr ich dann, das sie es nicht geschafft hat. Und irgendwie fühl ich mich schuldig. Ich weiß, dass es nicht meine Schuld war, aber weh tut es trotzdem. Ich wünschte einfach irgendwie, ich hätte es damals schon viel früher bemerkt.

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