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Eltern sein ist schwer, doch Gasteltern zu sein noch mehr

Der Journalist Jörg Podzuweit, Redakteur beim Berliner Radiosender multicult.fm, ist nicht nur Vater einer Tochter, die für ein Jahr nach Kanada ging, sondern er war auch Gastvater einer brasilianischen Austauschschülerin. Im Gespräch mit ausgetauscht.de berichtet er von seinen Erfahrungen als Gastvater, wie es ist, seine Tochter ein Jahr lang ins Ausland zu schicken und worauf es beim Schüleraustausch ankommt.

Ausgetauscht.de:
Wie kam es zu der Entscheidung, Eure Tochter für ein Jahr nach Kanada zu schicken?

Jörg Podzuweit:
Die Frage ist ganz einfach zu beantworten: Das haben gar nicht wir entschieden, sondern unsere Tochter selbst. Und das ist, glaube ich, auch ganz wesentlich. Man sollte niemanden zu einem Austausch überreden. Meine Frau und ich, wir hatten uns damals gesagt: Schauen wir mal, ob sie das wirklich ernst meint und halten wir uns erst mal zurück. Wenn wir merken, sie will dieses Austauschjahr unbedingt machen und tut auch was dafür, dann steigen wir mit ein und unterstützen sie.

Ausgetauscht.de:
Als eure Tochter dann nach Kanada geflogen ist, wie war das Gefühl loslassen zu müssen?

Jörg Podzuweit:
Unsere Tochter war 16 und ich weiß noch, als das Flugzeug abhob, da haben wir uns gefragt, ob wir eigentlich völlig verrückt geworden sind, so was überhaupt zuzulassen. Wir waren völlig fertig, die ersten drei Monate waren furchtbar! Wir haben es wirklich bereut. Erst nach etwa drei Monaten haben wir uns so langsam an die neue Situation gewöhnt. Sehr beruhigend war, dass wir durch E-Mail-Kontakt und Telefonate mitbekommen haben, dass es ihr bei ihrer Gastfamilie sehr gut geht und dass alles super läuft.

Ausgetauscht.de:
Hattet Ihr auch persönlichen Kontakt mit der Gastfamilie während der Zeit?

Jörg Podzuweit:
Es gab ein paar Telefonate, aber das war schon sprachlich schwierig – kanadisches Französisch ist so eine Sache für sich. Aber letztlich geht es ja auch darum, dass der oder die Jugendliche diese Erfahrung alleine macht. Also in einer fremden Familie zurechtzukommen und neue Beziehungen zu knüpfen. Das sollte nicht von den wirklichen Eltern kontrolliert oder gesteuert werden, das würde nur stören und behindern.
Wir fanden es dann einfach großartig, dass es in dieser Welt, die man oft – ich selbst eingeschlossen - als schlecht, anonym und unsozial kritisiert, dass es in dieser Welt doch möglich ist, ein junges Mädchen ganz allein ans andere Ende der Welt zu schicken, und da wird sie von einer fremden Familie aufgenommen, liebevoll unterstützt und betreut. Das ist wirklich großartig und lässt einen wieder an die Welt glauben. Als wir sie in Kanada abgeholt haben, gab es beim Abschied viele Tränen und wir haben uns damals gedacht, das ist so eine tolle Sache, dass wir selber auch eine Gastschülerin oder einen Gastschüler bei uns aufnehmen werden. Wir wollten irgendwie auch was zurückgeben.

Ausgetauscht.de:
Und das habt Ihr dann auch gemacht. 2006 war eine brasilianische Schülerin bei euch zu Gast. Wie viel Vorbereitung gab es, bis sie in Berlin eintraf?

Jörg Podzuweit:
Wir haben damals den Austausch unserer Tochter nach Kanada über KulturLife gemacht. Das ist eine kleinere Organisation, die mit der Organisation Nacel zusammenarbeitet, von der dann auch die Anfrage an uns als Gasteltern kam. Ich fand es damals sehr gut, dass sie jemanden zu uns ins Haus schickten, der sich ein, zwei Stunden bei uns umgesehen hat. Sie haben sich wirklich alles angeguckt und ausführlich mit uns geredet, was uns als Gastfamilie dazu bewegt, jemanden aufzunehmen. Ich weiß nicht, ob das alle Organisationen auf diese Weise tun, aber ich finde, das ist sehr wichtig.
Ansonsten gab es kaum Vorbereitungen. Wir haben über die Austauschorganisation dieses so genannte Dossier von der Schülerin bekommen, dann hat die uns noch einen Brief geschrieben; es gab ein Telefongespräch, aber für uns gab’s nichts weiter zu organisieren – außer, dass wir bei der Schule, auf die meine Tochter gegangen war, angefragt haben, ob sie diese Gastschülerin dort aufnehmen würden. Das war aber kein Problem.

Ausgetauscht.de:
Und wie verlief die erste Begegnung?

Jörg Podzuweit:
Unsere Gasttochter kam im Januar 2006 – es war tief verschneit damals, strenger Winter. Wir sind gleich am nächsten Tag zum Wannsee raus gefahren und über das Eis gelaufen. Das hatte die Brasilianerin noch nie erlebt. Sie war völlig fasziniert, das Wasser so hart sein kann und ja, da ging die Erfahrung los.

Ausgetauscht.de:
Vor welchen Herausforderungen habt ihr als Gasteltern gestanden?

Jörg Podzuweit:
Da war natürlich zunächst ein großes Verantwortungsgefühl. Also ich bin Vater, ich hab eine Tochter und bin insofern erziehungsgeübt, aber jetzt hatten wir die Verantwortung gegenüber einem fremden Menschen und auch gegenüber ihren wirklichen Eltern. Da muss man schon gut aufpassen, dass da nichts schief läuft. Glücklicherweise war das Mädchen sehr kommunikativ. Dieses mir anfangs völlig fremde Wesen aus Brasilien war fast ein Jahr lang sozusagen meine Tochter und ich hätte ohne diesen Austausch niemals die Chance gehabt, einen 17/18-jährigen Menschen so intensiv kennen zu lernen. Im Laufe der Zeit baut man Vertrauen auf und man tauscht sich aus. Ich hab versucht, sie zu unterstützen, zu beraten und ihr ein bisschen was auf ihren Lebensweg mitzugeben.

Ausgetauscht.de:
Fällt Dir ein Beispiel ein, welche kulturellen Unterschiede es im Alltag zwischen Brasilianern und Deutschen gibt?

Jörg Podzuweit:
Da gibt es viele – kleine, große – und die sind nicht immer einfach zu begreifen. Man muss da auch die eigenen Überzeugungen und vermeintlichen Wahrheiten in Frage stellen können. Das schwierigste für uns war wohl, zu erkennen, dass das Lügen bei den Brasilianern – wie auch bei vielen anderen Völkern, das ist mir inzwischen klar geworden – gar nicht so ein schwerwiegendes "Delikt" ist wie bei uns, sondern teilweise als völlig o.k. gilt.

Ausgetauscht.de:
Hat das Schuljahr sie im Nachhinein bereichert?

Jörg Podzuweit:
Sie hat relativ gut Deutsch gelernt in dieser Zeit und vor allem viel über das Leben, über die Welt, über Kommunikation, über Deutschland und über das Miteinander – das schreibt sie uns in jeder E-Mail, dass sie so glücklich ist, dass sie hier war und dass sie wahnsinnig viel gelernt hat und hier bei uns angefangen hat erwachsen zu werden.

Ausgetauscht.de:
Und was ist jetzt aus Ihr geworden?

Jörg Podzuweit:
Sie hat ein Studium aufgenommen: Internationale Beziehungen. Das hat sie inzwischen abgeschlossen und sucht Arbeit.

Ausgetauscht.de:
Wie würdest du deine Erfahrungen mit dem Schüleraustausch rückblickend zusammenfassen?

Jörg Podzuweit:
Es war für alle Beteiligten eine ganz große Bereicherung: für meine Tochter, die in Kanada einen großen Schritt in ihrer Persönlichkeitsentwicklung getan hat; für meine Gasttochter, für die wohl dasselbe gilt; und auch für meine Frau und mich, die zwar eine Weile unter dem Trennungsblues leiden mussten, aber mit der Gasttochter dann eine sehr anregende und auch ziemlich lustige Zeit erlebt haben. Ich kann jetzt sagen, ich habe eine zweite Tochter in Brasilien. Und dort in diesem fernen Land gibt es eine junge Frau, die genau so stolz verkündet, sie habe einen zweiten Vater in Deutschland. Das ist wirklich ein schönes Gefühl.

Ausgetauscht.de:
Hast Du für Gasteltern oder die, die es noch werden wollen, einen Rat?

Jörg Podzuweit:
Es ist ein Austausch! Das gilt auch für die Gasteltern. Man kann wahnsinnig viel lernen, wenn man sich darauf einlässt. Die kulturellen Unterschiede sind zum Teil sehr komplex und man muss aufpassen, dass man nicht zu schnell urteilt. Ein paar Dinge haben wir zum Beispiel erst kapiert, als wir ein Jahr später dann mal in Brasilien zu Besuch waren, da gingen uns dann auch noch ein paar Lichter auf.
So ein Austausch ist eine Herausforderung an die Menschlichkeit. Wer offen ist, der bekommt eine fantastische Chance, einen anderen Menschen und eine andere Welt kennen zu lernen - ohne das Haus zu verlassen. Holt Euch Gasttöchter, holt Euch Gastsöhne ins Haus und ihr werdet es nicht bereuen!

Ausgetauscht.de:
Vielen Dank für das Gespräch!

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