Stellungnahme EUROVACANCES zum plusminus-Bericht

Wir von EUROVACANCES möchten hier die Gelegenheit nutzen, unsere Sicht der Dinge in dem von plusminus gesendeten Bericht darzulegen. Wir alle arbeiten aus Überzeugung im Schüleraustausch. Viele von uns sind selbst ehemalige Austauschschüler und wir wissen, dass Situationen vor Ort für die Jugendlichen oft belastend sind. Deshalb können sich Eltern und unsere Teilnehmer darauf verlassen, dass wir unser Bestes geben, um sie bei herausfordernden Situationen im Laufe eines Austauschjahres zu begleiten. Meistens gelingt uns das sehr gut und viele Tausende von Ehemaligen können das bestätigen.

GRUNDSÄTZLICHES ZUR VORBEREITUNG UNSERER SCHÜLER AUF „WORST-CASE“-SZENARIEN
Eine unserer wichtigsten Aufgaben im Vorfeld eines Auslandsaufenthaltes ist es, Schüler und Eltern darauf vorzubereiten, dass es im Gastland zu unerwarteten Problemen kommen kann. Bereits im 3-stündigen Bewerbungsgespräch, das wir mit interessierten Familien führen, sprechen wir so genannte „worst case“-Szenarien an, wie z.B. die Ankunft in einer „Messy-Familie“, Alkohol-Missbrauch durch ein Familienmitglied oder unangemessene sexuelle Annäherungen. Das wirkt auf viele Familien abschreckend – diese „worst case“-Szenarien stammen aber aus unserer Arbeitspraxis und wir sind davon überzeugt, dass jeder, der sich für ein Austauschjahr interessiert, wissen sollte, was im schlimmsten Fall schief gehen kann. Auf unseren 3-tätigen Vorbereitungsseminaren, Schülertreffen und mit unseren Länderhandbüchern versuchen wir, unseren Teilnehmern beizubringen, wie sie sich in einem solchen Krisenfall Hilfe holen.

1. Die 1. Gastfamilie
Mit der ersten Gastfamilie von Annabelle war bei Ankunft tatsächlich etwas nicht in Ordnung – auch wenn die Familie im Vorfeld 2x besucht wurde, dabei Fotos gemacht wurden, die einen sauberen Haushalt zeigten und die Familie in 2009 sogar einen Screening-Prozess als Adoptionsfamilie erfolgreich durchlaufen hat. Selbstverständlich hat die Familie auch alle anderen Bestandteile unseres Überprüfungsverfahrens wie Criminal Background Check, etc. bestanden. Annabelle hat bei Ankunft dann genau richtig gehandelt und ihren Eltern in Deutschland Bescheid gegeben – so konnte sie innerhalb von weniger als 18 Stunden aus der Gastfamilie abgeholt werden. Hätte sie sich direkt an ihre Betreuerin vor Ort gewandt, wäre es noch schneller gegangen: Die lokale Betreuerin hat Annabelle innerhalb von 45 Minuten nachdem sie von ihrer Situation erfuhr, aus dem Haus der Gastfamilie abgeholt.

2. Übergangslösung: Unterkunft bei der Betreuerin
Annabelle ist danach notfallmäßig bei ihrer Betreuerin untergekommen, deren Haus sich im Umbau befand. Annabelle war darüber informiert und konnte selbst entscheiden, ob sie trotz der Umbaumaßnahmen bei ihrer Betreuerin leben wollte, bis eine neue Gastfamilie gefunden sei, oder ob die Betreuerin ihr eine andere Übergangsfamilie organisieren sollte. Annabelle hat sich selbst entschieden, bei der Betreuerin zu bleiben. Davon war im Fernsehbericht leider nichts zu hören.

3. Die 2. Gastfamilie
Innerhalb von zweieinhalb Wochen wurde eine zweite Gastfamilie für Annabelle gefunden. Bei dem im Fernsehen so despektierlich als „Wanderprediger“ bezeichneten Ehepaar handelt es sich um einen ganz normalen evangelischen Pastor, der einer Gemeinde im Ort vorsteht und seit Jahren Stütze der Gemeinde ist. Die Familie hat sich reizend um Annabelle gekümmert und lebt in absolut geordneten Verhältnissen.

4. Kommunikation und engmaschige Betreuung
Der Vorwurf, wir hätten „nichts von uns hören lassen“, trifft uns sehr und entspricht in keinster Weise der Wahrheit. Deshalb ist es uns wichtig darzustellen, dass Annabelle in der Zeit des Gastfamilienwechsels – und auch danach – sehr engmaschig betreut wurde: Neben ihrer lokalen Betreuerin (davon hatte Annabelle sogar zwei, um die Objektivität zu wahren, nachdem sie bei der ersten eingezogen war) standen Annabelle 2 weitere Personen unserer Partnerorganisation zur Seite: Die für den Bundesstaat zuständige übergeordnete Ansprechpartnerin ist extra angereist und hat ein langes Gespräch mit Annabelle geführt. Außerdem hat eine auf der nationalen Ebene agierende deutschsprachige Betreuerin unseres Partners mehrfach mit Annabelle telefoniert, um sicherzustellen, dass es ihr gut geht. Der Chef unserer Partnerorganisation hat sich sogar bereit erklärt, ein Telefonat mit Annabelles Vater zu führen. Wir waren in regelmäßiger Kommunikation mit Annabelles Eltern bzw. ihrem Anwalt. Annabelle selbst hat in allen Gesprächen unserem Partner gegenüber übrigens immer geäußert, es sei alles in Ordnung dort, wo sie sei. Sie warte nur darauf, dass ihr Vater alles für Kalifornien klar mache.

5. Kalifornien
Das ist wohl der wahre Konflikt, der sich hinter der Auseinandersetzung mit Annabelles Eltern verbirgt. Bereits direkt nachdem ihre Tochter aus der ersten Gastfamilie abgeholt worden war, sagten Annabelles Eltern uns, wir müssten keine neue Gastfamilie für ihre Tochter in Minnesota suchen. Die einzige Lösung sei es, Annabelle umgehend nach Kalifornien umzuplatzieren. Sie haben uns dann tatsächlich – wie ihm Fernsehbericht gezeigt – eine Gastfamilie und Schule in der Nähe von San Francisco benannt, in der sie ihre Tochter gern unterbringen wollten. Der Besuch dieser Highschool sollte allerdings 12.000 US-$ Schulgeld im Jahr kosten. Wir hätten von den Journalisten fairerweise erwartet, dass sie diese Tatsache im Bericht erwähnen. Wir hoffen auf Verständnis dafür, dass Kosten in solcher Höhe weder für uns noch für unseren Partner tragbar sind. Wir bieten im Rahmen unseres USA-Privatschulprogramms einen Aufenthalt in der Nähe von San Francisco an – aber aufgrund des anfallenden Schulgelds nicht für 8.000 Euro, sondern für 18.000 Euro.

6. Prüfung des Falls durch das amerikanische Außenministerium
Das amerikanische Außenministerium, das den Fall Annabelles auf Betreiben ihrer Eltern als unabhängige Instanz eingehend geprüft hat, hat übrigens das Krisenmanagement unserer amerikanischen Partnerorganisation für vorbildlich befunden und die eindeutige Empfehlung ausgesprochen, Annabelle nicht auf Kosten von EUROVACANCES oder unserem amerikanischen Partner nach Kalifornien umzuplatzieren. Der WDR hat letzte Woche zweimal mit dem amerikanischen Ministerium telefoniert und wusste um diese Empfehlung. Leider kam das in dem Beitrag nicht zum Ausdruck. Dann wäre von der „Geschichte“ wohl auch nicht viel übrig gewesen.

Auf diesen Beitrag gibt es eine Antwort:

Antwort Eurovacances zu Plusminus

Hallo liebe Interessierte.

Als diesen Beitrag betreuender Autor kann ich das, was hier von Eurovacances vorgetragen wird, nicht so unkommentiert stehen lassen.

Das die Firma nicht "glücklich" mit unserer Berichterstattung ist, liegt wohl in der Natur der Sache. Aber hier werden einige Dinge doch recht einseitig dargestellt, andere entsprechen schlicht nicht der Wahrheit.

Zunächst einmal hat das US Sate Department dem WDR gegenüber überhaupt keine Erklärung abgegeben. Es ist richtig, dass zwei Telefonate mit dieser Institution stattgefunden haben, nachdem wir uns mehrfach im Zeitraum von zwei Wochen um ein Interview vor der Kamera bemüht hatten, jedoch nichts gehört haben.

Das eine Telefonat dauerte ca 2 Minuten und es wurde vereinbart, dass zwischen zwei Mitarbeitern des State Departments und der Redaktion des WDR ein OFF THE RECORD BACKGROUND GESPRÄCH geführt wird. Wie der Name schon sagt, ist
der Inhalt dieses Gespräches nicht für die Öffentlichkeit bestimmt und stellt auch keine offizielle Stellungnahme dar. Es ist einfach nicht journalistisch verwendbar. Punkt aus.

Interessant ist aber in diesem Zusammenhang, dass wir in Vorbereitung dieses Gespräches dem State Department unsere Belege für unsere Behauptungen übermittelt haben und keine 90 Minuten nach dem Telefonat Annabelle informiert wurde, dass sie innerhalb der nächsten Stunde die Koffer packen solle um zu der neuen Gastfamilie und Schule in Kalifornien zu reisen... - Ein Umstand, der zu diesem Zeitpunkt über vier Wochen ganz offenbar verzögert wurde. Soviel dazu.

Thema Schulgeld:
In der Tat hat die neue Schule zunächst ein Schulgeld gefordert. Wer sich mit dem US Schulsystem auskennt, weiß, dass dies eine "Kann-Bestimmung" und kein "Muss" ist. Es steht der Schule frei, z.B. auch völlig darauf zu verzichten. Wie bei vielen Dingen in USA ist dies nicht zuletzt auch davon abhängig, wie es "in den Wald hinein schallt".

Doch auch dieses Hinderniss war schlussendlich überhaupt kein Hinderniss mehr, zumal Annabelles Eltern längst erklärt hatten, dass sie die 3.000 US $ Schulgeld, um die es sich letztendlich drehte, bereit sind für Annabelle vorzulegen (Annabelle hatte die Kosten der Reise vollständig selber finanziert).

Thema Minnesota:
Unterrubrik "Gastfamilien": Ich denke auch hier ist eine etwas differenzierte Betrachtung notwendig. Zunächst einmal war es ja Annabelles Rep, zu der sie von Gastfamilie 1 umzog, die diese erste Familie ausgesucht hatte. Komisch, dass ihr dabei die hygenischen Umstände nicht aufgefallen sein wollen. Andererseits scheint auch diese Rep ziemlich "abgehärtet" zu sein, zumindest was das angeht, wohnt sie doch selber seit Monaten in einer "Baustelle". Die Unterbringung bei der sogenannten "Notunterkunft" verstösst eigentlich gegen das Reglement, da Rep nicht gleichzeitig Betreuer und Gastfamilie sein darf, aber das dahin gestellt. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die "Einwilligungen", die man von der minderjährigen und damit auch nur bedingt geschäftsfähigen Annabelle (und nicht von ihren Eltern) unterschrieben haben wollte. Annabelle weigerte sich diese zu unterschreiben. Spätestens an dieser Stelle wird auch einem Aussenstehenden klar, dass sich hier enorme Interessenskonflikte anbahnen und das dies nicht zuletzt auch negative Auswirkungen auf Annabelle haben kann, wenn sie weiterhin in diesem unmittelbaren Einzugs- und Betreuungsbereich der Partnerorganisation in Minnesota bleiben sollte. Vor diesem Hintergrund ist es mehr als verständlich, dass die Eltern auf eine Umplatzierung "möglichst weit weg" drängten. Ein Mittel, dass sonst in vergleichbaren Situationen schon von den Veranstaltern ohne grosse Umschweife angeboten wird, eben um einem eventuell "vorbelasteten" Jugendlichen eine unbelastete neue Situation zu bieten.

Schlussendlich hat ja hier nicht Annabelle einen Mist gebaut, sondern die von Eurovacances eingeschaltete Partnerorganisation vor Ort (nämlich unstreitig und sogar von EV akzeptiert in der Auswahl und Unterbringung bei der ersten Gastfamilie und dann der "Notunterkunft" in der "Baustelle" des Hauses der Local Rep.)

Gar nicht zur Sprache gekommen sind auch noch weitere klare "Mängel" des Vertrages mit EV. So z.B. hatte EV schriftlich zugesichert und auch Behörden gegenüber bestätigt, dass Annabelle an 5 Tagen in der Woche die High School besucht. Defacto ging Annabelle aber auf eine Schule, die nur an vier Tagen Unterricht durchführt. Aber auch das nur eine Nebensache.

Die letzte Gastfamilie in Minnesota, die Annabelle beherbergte, war eine sogenannte "Welcome Family", also eine familie die nur temporär einspringt, solange bis eine endgültige Gastfamilie gefunden ist. Zufällig und erst einen Tag bevor dich der WDR bei Eurovacances zum Interview angesagt hat, erhalten Annabelle und ihre Eltern eine Mitteilung, dass die temporäre "Welcome Family" nun zur endgültigen Aufnahme von Annabelle bereit sei und somit endgültige Gastfamilie werden solle. Kleines Manko an der Sache war nur, dass dies gegenüber Annabelle so nicht kommuniziert wurde. Sie war dann auch ziemlich überrascht und widersprach uns gegenüber dieser Behauptung. Unstreitig handelt es sich um einen Pastor, der der sogenannten Assembly of God angehört. Das findet man übrigens gleich auf der US Internetseite zu dieser "Freikirchengruppe":

MISSION

The Assemblies of God is committed to fulfilling a four-fold mission. Our primary reason for being is to:

1. Evangelize the lost.

2. Worship God.

3. Disciple believers.

4. Show compassion.

Andere Länder, andere Sitten, in den USA sind ja sogar Scientologen eine anerkannte Kirchengemeinschaft. Das ist bekannt und dennoch muss man es - so jedenfalls sehe ich das persönlich - in einem solchen Fall jedem Einzelnen (und in diesem speziellen Fall Gastschüler) selbst überlassen, ob er dort leben möchte oder nicht.


Thema Kommunikation:

Dem WDR liegen mehrere Schreiben von Annabelles Mutter vor, die EV auch bestätigt hat, erhalten zu haben. Ausweislich dieser Schreiben werden die weiter oben aufgeführten Missstände angemahnt und unter Fristsetzung um Abhilfe gebeten. Mehrfach haben wir die EV Prokuristin Frau Dettweiler-Wesner gefragt, wann und wie EV auf diese Schreiben reagiert hat und Sie gebeten die entsprechende Korrespondenz vorzulegen. Das konnte sie aber nicht, weil EV es schlicht versäumt hatte - den ordentlichen Gepflogenheiten im Geschäftsverkehr folgend - auf ein Schreiben unter Fristsetzung eben mit einem Schreiben zu reagieren. Uns wurde erklärt, es sei mehrfach telefoniert worden. Dies ersetzt aber kein Schreiben. Über die Inhalte der Telefonate wurden uns recht divergierende Dinge berichtet, die nicht im Einklang standen. Da dieser Sachverhalt sich somit unserer objektiven Betrachtung entzieht, können wir dazu auch nichts sagen. Tatsache bleibt: auf die zahlreichen Schreiben von Annabelles Mutter gab es nur eine schriftliche Antwort und die spricht davon, dass sich Ev dem "Imperativ" nicht beugen wolle. Dieser bezog sich auf die Aufforderung Annabelle zu der von den Eltern in Eigeninitiative gefundene neue Gastfamilie und Schule in Kalifiornien umzusiedeln. Die Aufforderung stammt übrigens von Anfang September 2010, letztendlich ist Annabelle erst am 9. Oktober umgezogen. Auch warum sich dies solange hingezogen hat, konnte EV uns gegenüber nicht plausibel erläutern und gab ausweichende Antworten, die einer Überprüfung nicht standhielten.

Schlussendlich sei angemerkt, dass sie sich jetzt - wie sie uns kürzlich mitteilte - sehr wohl fühlt, sowohl in der neuen Familie, als auch in der Schule.

Abschließend möchte ich noch anmerken, dass es unsere Aufgabe als Journalisten ist, über unsere Themen wahrheitsgemäss und ausgewogen zu berichten und den Betroffenen die Möglichkeit zur Stellungnahme einräumen. Es ist nicht unsere Aufgabe diese Sachverhalte zu bewerten, dass tun andere - letztendlich wohl Richter und natürlich jeder Zuschauer. Wir sind aber überzeugt davon, dass man sich bei aller Euphorie die dem Thema Schüleraustausch anhaftet, durchaus auch kritisch mit den "Schattenseiten beschäftigen sollte. Im Gegensatz zu Herausgebern von sogenannten Ratgebern, die sich zwar einerseits gerne als Journalisten und Experten ausgeben, andererseits jedoch nicht nur enge persönliche Kontakte zu Veranstaltern haben, sondern bei Bedarf auch deren "gemeinnützige" Einrichtung wie Gästewohnung oder Infrastruktur nutzen, stehen wir besonders bei der ARD lieber "zwischen allen Stühlen". Dieser Platz ist da manchmal doch etwas besser.

Köln, den 20.10.2010

Tim van Beveren

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