vom 12.4.2017 00:15
J. M.

Soll ich nach hause gehen?

Hallo,
es wär sehr cool wenn mir irgendwer helfen könnte.

Also ich bin seit August 2016 in den USA. Schon bevor ich hier hin gekommen bin, hatte ich irgendwie Zweifel, ob ich mich bei meiner Gastfamilie wohlfühlen würde. Ich hab mir dann immer gesagt ich sollte keine Vorurteile haben und ich kenne die Familie ja auch noch gar nicht und bis zu meinem Abflug wurde das Gefühl auch besser und ich habe mich richtig gefreut hier hin zu kommen. Ich lebe bei einer allein erziehenden Mutter und ihrer Tochter, die so alt ist wie ich.
Die Schule hier war auch bis jetzt echt toll, was halt so das beste an dem ganzen Auslandsjahr ist und ich hatte viel Spaß im Unterricht und auch ein paar Freunde, also war halt alles eigentlich toll.

Nach etwa 1 Monat, als ich also so langsam in den Alltagsrhytmus meiner Gastfamilie kam und sie auch etwas besser kennen gelernt hatte, hab ich angefangen, Zweifel zu bekommen.
Ich will jetzt gar nicht auf alles eingehen, aber mich haben viele Sachen gestört. Ein Beispiel ist zum Beispiel die Sauberkeit.
Im Haus wurde nicht viel geputzt, ich habe halt mein Bad und mein Zimmer geputzt (was ja auch vollkommen in Ordnung ist und ich auch nicht anders wollen würde!), die Küche wurde aber so gut wie nie geputzt. Es gab einen einzigen Schwamm, mit dem das Geschirr gewaschen, die Küchenzeile mal abgewischt und die Hundenäpfe gesäubert wurden. Der Boden wurde von meine Gastfamilie vielleicht 2 mal in den ganzen Monaten mit dem Besen gewischt (Ich habe sie aber dann manchmal mit einem Mop nass gewischt). Außerdem wurden die Hunde in der Küchenzeile gebadet (die nachher auch nur von mir sauber gemacht wurde).
Die Hunde sind sehr alt und deswegen geht meine Gastfamilie auch nicht mit ihnen Gassi. Das führt dazu dass sie einfach überall in die Wohnung machen, hauptsächlich auf den Wohnzimmerteppich. Das wird dann natürlich nicht irgendwie sauber gemacht. Deswegen bin ich auch nie mehr in dieses Wohnzimmer gegangen.
Aber es gab auch andere Probleme zu Hause, ich hab einfach nicht in das Lebensbild meiner Gastfamilie gepasst. Außerdem konnte ich mich außerhalb der Schule so gut wie nie mit Freunden treffen, weil meine Gastmutter mich fast nie irgendwo hinfahren wollte und ich ja nicht jedes mal meine Freunde fragen konnte, dass sie mich extra abholen wenn ich ja zu ihnen wollte (was ich aber manchmal gemacht habe). Meine Freunde zu mir einzuladen wollte ich einfach nicht, weil ich mich für das Haus meiner Gastfamilie geschämt habe (wegen Sauberkeit etc.) Meine Gastschwester ist sowieso total introvertiert (im Gegensatz zu mir) und hat so gut wie keine Freunde mit denen sie was am Nachmittag unternehmen könnte). Kochen kann meine Gastmutter auch nicht wirklich, weshalb es jede Woche ungefähr 2 Gerichte gibt. Ich habe auch öfters gekocht, aber meistens hatten wir fast keine Lebensmittel im Haus mit denen ich etwas hätte kochen können. Da meine Gastmutter auch bis vor kurzem arbeitslos war, wollte ich sie nicht mit extra Lebensmittel für mich beauftragen. Außerdem ist meine Gastfamilie nicht religiös und ich bin strenger Christ, weswegen ich halt manche Dinge hier halt einfach stören, die ich ja nicht einfach ändern kann nur weil die mich stören. Das hat alles dazu geführt, dass ich irgendwann nach der Schule einfach nicht mehr nach Hause wollte.

Ich hab oft gedacht, dass ich einfach zu hohe Ansprüche habe und dass ich mich halt anpassen muss und deswegen auch niemandem davon erzählt. Ich habe auch meine Gastfamilie auf einige Dinge angesprochen, wie das mit dem Schwamm oder das mit dem Küchenboden und den Hunden in der Küchenzeile (dazu wurde mir übrigens nur gesagt, dass es meiner Gastmutter zu anstrengend ist die Hunde in der Badewanne oder draußen zu baden).

Im Januar habe ich dann endlich meinen Eltern davon erzählt (die dachten bis dahin alles wäre ok) und bin dann auch zu meiner Local Coordinatorin gegangen, weil ich es einfach nicht mehr ausgehalten habe. Die hat mir auch zugehört und war sehr verständnisvoll. Sie hat vorgeschlagen ein Gespräch mit der Gastfamilie zu halten. Da hab ich aber eigentlich schon gewusst, dass ich da weg will. Denn selbst wenn es das sauberste Haus der Welt wäre, würde ich mich einfach nicht wohl fühlen dort.
Das Gespräch hat nicht wirklich was gebracht und nachdem meine Gastmutter dann nochmal alleine mit meiner Local Coordinatorin gesprochen hat, wurde mir gesagt ich darf nicht wechseln, weil meine Organisation meine Gründe als nicht gravierend genug empfand und ich könne mir jetzt aussuchen ob ich bleibe oder nach Hause fahren. Dabei hätte ich sogar eine neue Familie schon gehabt! meine LC ist mir von da an auch keine Hilfe mehr gewesen. Seitdem habe ich mich sehr zurückgezogen in der Familie und bin eigentlich nur noch auf meinen Zimmer und wollte weg da.

Da ich mir im Januar auch noch einen Kreuzbandriss zugezogen habe, bin ich jetzt im März für eine OP nach Deutschland geflogen und habe dort etwa 4 Wochen verbracht. Während ich dort war, habe ich oft überlegt, ob ich nicht lieber da bleiben sollte. Am Ende hab ich mich dann doch dagegen entschieden, weil meine Eltern so viel Geld für dieses Jahr bezahlt haben und ich es nicht vorzeitig abbrechen wollte. Außerdem war die Schule für mich ja immer noch das Beste, wo ich ja auch die meiste Zeit meines Tages verbringe. Auch hatte ich Angst, dass ich es später bereuen würde nicht mehr zurück gegangen zu sein. Also ging es für mich gestern wieder zurück und als ich schon mit meiner Gastfamilie im Auto saß und nach Hause gefahren bin habe ich eigentlich schon gedacht "Ich will einfach wieder ins Flugzeug und nach Deutschland". Als wir dann zu Hause waren hab ich gesagt ich bin müde und möchte ins Bett gehen und bin dann direkt in mein Zimmer gegangen.
Heute war ich wieder in der Schule und irgendwie ist es nicht mal mehr so schön wie vorher. Ich bin froh meine Freunde wieder zu sehen und alles, aber wenn mir selbst die Schule keinen Spaß mehr macht, warum bin ich dann noch hier? Das war das einzige (und meine Eltern), was mich wieder zurück gebracht hat.
Ich weiß einfach nicht was ich machen soll. Ich will nicht, dass meine Eltern denken sie haben ihr ganzes Geld für nichts ausgegeben. Es sind ja auch "nur" noch 2 Monate die ich hier verbringen muss. Trotzdem will ich einfach nur nach Hause.
Ich hoffe irgendwer hat sich das alles durchgelesen :D
Und versteht mich nicht falsch, meine Gastfamilie sind ja keine Monstermenschen, nur dass das alles einfach nicht passt.
Es wäre sehr nett, wenn mir jemanden seine Erfahrungen berichten könnte oder einfach nur einen guten Ratschlag gibt.

Auf diesen Beitrag gibt es eine Antwort:

RE: Soll ich nach hause gehen?

Hey :)
Du bist nicht alleine mit deinem Problem, mir ging es sehr ähnlich! Ich verbrachte ein Jahr in NZ und die letzten paar Monate hätte ich wechseln wollen, aber dies war aus versch. Gründen nicht möglich...
Da es bei dir nur noch 2 Monate sind, würde ich versuchen, das Beste aus der verbleibenden Zeit zu machen. Wie du geschrieben hast, darfst du nicht wechseln (was ich eigentlich nicht verstehen kann, du hast berechtigte Einwände, andere wechseln bei viel trivialeren Gründen), daher bleibt dir nur das Abbrechen oder das Ausharren bei deiner jetzigen Gastfamilie.
Überlege dir, weshalb du ein Austauschjahr machen wolltest und welche tollen Dinge du in der verbleibenden Zeit noch unternehmen willst. Meiner Erfahrung nach ist Ablenkung das beste Mittel, um seine Probleme zumindest zeitweise vergessen zu können. Gibt es eine Möglichkeit ein neues Hobby anzufangen? Mir hat es sehr geholfen, wenn ich meine Nachmittage nicht zu Hause mit meiner Gastfamilie verbringen musste. Du schreibst, du seist religiös. Gibt es eine Möglichkeit, dich einer Youth Group der Kirche anzuschliessen? Oder ein Tierheim, wo du dich engagieren könntest? Was auch immer, such dir etwas, das dir Spass macht. Wenn du etwas hast, auf das du dich freuen kannst, hast du weniger Zeit, dir negative Gedanken machen zu können.
Ich hoffe, du findest bald wieder Gefallen an deinem Austauschjahr und ich bin mir sicher, die Zeit vergeht am Ende doch ganz schnell! Glaub mir, die letzten 2,3 Monate rasen nur so und man realisiert es kaum. Klar wird es schwere Stunden geben, aber denke daran, dass diese dich nur stärker machen!
Ich wünsche dir viel Kraft und hoffentlich einen angenehmen Rest deines Austauschjahres!
Rahel
PS: Halt mich doch auf dem Laufenden, wie es dir geht! :)

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