vom 16.10.2013 21:50
J. H.

Sol ich mein Gastfamilie wechseln?

Seit nun gut drei Monaten bin ich hier in Amerika. Die Schule macht mir Spaß und ich habe inzwischen in jedem Kurs Freunde gefunden. Auch wenn es in der Schule so gut läuft habe ich doch große Schwierigkeiten: Schon seit meiner Ankunft fühle ich mich hier bei meiner Gastfamilie nicht richtig wohl. In den ersten Wochen dachte ich, ich bräuchte nur Zeit um mich in meinem neuen Umfeld zurecht zu finden, aber es wird einfach nicht besser.

Ich glaube, dass die Familie, bei der mein Gastbruder aus Bolivien und ich wohnen, finanziell und sozial nicht dazu in der Lage sind Gastschüler aufzunehmen. Es schmerzt mich das so hart sagen zu müssen, dennoch ist es wahr. Finanziell geht es ihnen nicht sonderlich gut weshalb an allen Ecken gesparrt wird. Natürlich ist mir bewusst das man in den meisten Fällen nicht mit europäischen Standards rechnen kann, aber die Familie scheint mir auch auf die amerikanische Norm bezogen, sehr, sehr arm zu sein. Beispielsweise wird das Haus im Winter kaum beheizt, sodass man schon im Oktober im dicksten Pullover und mit den wärsmten Socken kläglich versucht der Kälte zu trotzen. Mir schaudert's wenn ich an die wirklich kalten Monate, wie Dezember oder Januar denke. Glasteller werden, wie Kugelschreiber, nicht benutzt, da sie ihnen zu teuer sind. Nicht das ich sie verlange, dennoch sind die ein Zeichen für die Armut der Familie, die wie ein Damokles Schwert bedrohlich über ihren Köpfen hängt.

Das Haus an sich wird von Unordnung dominiert. Nicht nur mein Zimmer einem der drei Kinder, teilen muss ist schlichtweg unbetretbar. Überflüssig zu sagen das es ausschließlich Zeug von meinem Zimmergenossen ist. Dabei habe ich noch das bessere Los gezogen: Mein Gastbruder muss sich ein Zimmer, mit seinen 16 Jahren, Jüngsten der Familie teilen. Dieser ist autistisch und deswegen eigentlich nicht gesellschaftsfähig. Die ersten zwei Wochen habe ich mir ein Zimmer mit ihm geteilt, ich weiß also worüber ich schreibe: Wenn man sich ein Zimmer mit ihm teilen muss, dann wird man nachts Opfer seiner argen Flatulenzen und muss ihm auch gelegentlich beim ornanieren zu hören. Das Zimmer stinkt ohne Unterlass, da er es ablehnt sich zu duschen oder die Zähne zu putzen. Das wäre ja nichts Schlimmes, wenn man nicht von einem Gastschüler erwarten würde sich das Zimmer mit ihm zu teilen.

Auch ansonsten ist das Haus sehr unordentlich: Die Küche versinkt unter dreckigen Geschirr und Krimkramms, während das Wohnzimmer volle Wäsche ist, dreckig wie sauber, und voller Kisten, die seit einer, vor Wochen angefangenen, Aufräumaktion, dort stehen. Die ursprüngliche Farbe der Dusche lässt sich unter dem schmierigen Kalk- und Dreckschicht nur noch erahnen.

Auf sozialer Ebene sind sie auch recht schwierig. Neben dem Autisten, der von seiner alles kontrollieren Mutter,ständig bevorzugt wird, lebe ich mit ihrem groben Mann und ihren Kindern hier: Dem barschen Sohn und der aufgedrehten Tochter, mit der ich mich noch verhältnismäßig am besten verstehe. Um ehrlich zu sein kann ich keinen von ihnen besonders leiden. Es tut mir so leid, aber ich mag keinen von ihnen und fühle mich hier unwohl.

Es fällt schwer gegen eine Familie aktiv zu werden, die eigentlich gar nichts dafür kann. Sie sind wie sie sind. Aber wie sie sind können sie keine Gastschüler aufnehmen. Mit meiner Meinung stehe ich übrigens nicht alleine: Meine Freunde in der Schule haben mir erzählt, dass sich schon die vorherigen Gastschüler unwohl gefühlt haben. Zwei haben auch die Familie gewechselt. Auch mein Gastbruder fühlt sich hier völlig fehl am Platz und ist schon dabei seinen Wechsel zu organisieren.

Ich würde gerne meine Familie wechseln, dabei ist mir natürlich klar, dass das nicht so einfach geht. Aber in dieser Familie fühle ich mich nicht wohl. Eigentlich bin ich nur noch hier, weil irgendein Funken fehlt der die Sache hochgehen lässt, irgendwas nach dem ich sagen kann: ,,Das war´s!" Bislang würde ich mit jedem anderen Austauschschüler, den ich in der Schule oder durch Melisas Arbeit kennengelernt habe, tauschen. Und das ohne zu zögern, geschweige denn zu überlegen. Stattdessen verbringe ich meine Zeit hier, wo ich mich unwohl fühle und bei einer Familie die ich schlichtweg nicht mag. Um ehrlich zu sein erwische ich mich selbst dabei wie ich die Tage nach Deutschland runterzähle.

Ich erlaube mir ein solch hartes, aber deswegen nicht falsches Urteil, da ich nun seit gut drei Monaten hier leben und ich glaube, dass ich meine Situation hier keinesfalls übertrieben oder verfälscht habe. Viel eher gibt es hier noch viele andere Sachen, die mich an der Familie stört, die aber jetzt den Rahmen sprengen würden. Von versteckten Sirupflaschen bis zu der verrückten Religion gibt es noch viele Sachen die mich stören.

Als ich vor ein paar Tagen mal alles niedergeschrieben habe was mich stört, um meine Optionen durchzugehen und zu überlegen was als nächstes. Es kamen ganze 6 Seiten zusammen die ich auf Deutsch schrieb und die ich in meinen Schulordner legte. Diese hat meine Gastmutter gestern "gefunden" und dann einfach mal kopmplett in den Google Überstzer eingehämmert, weil sie ihren Namen gelesen hat. Eigentlich würde mich an meinen örtlichen Betreuer wenden, aber diese ist mit meiner Familie verwandt, also keine Option.

Was sagt ihr was soll ich tun? Ich würde gerne wechseln, bin aber konfliktscheu und befürchte die Familie sehr zu verletzen, weil sie nicht verstehen würden, wieso ich wechseln möchte.

Vielen Dank im Voraus.

Auf diesen Beitrag gibt es eine Antwort:

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Also das hört sich ja echt nicht toll an!! Ich glaube, ich würde an deiner Stelle wirklich mal egoistisch denken und wechseln. Du sollst deine Zeit im Ausland schließlich genießen, und ich finde, eine Familie zu der man eine gute Beziehung hat, gehört dazu. Dass du dich nicht an deinen Ansprechpatner Vorort wenden kannst, ist natürlich echt doof... Frag doch mal deine Freunde, was die Austauschschüler vor dir gemacht haben!!! Oder wende dich an einen Vertrauenslehrer an der Schule wenn es das bei dir gibt... oder kontaktier deine Orga in Deutschland, vlt kann die dir helfen... Ich kann total verstehen dass du Angst hast deine Gastfamilie zu verletzen mit deiner Entscheidung, aber wenn sie wirklich an deiner Person interessiert sind und wollen, dass es dir gut geht, dann müssten sie deine Entscheidung respektieren. Und wenn sie das nicht tun, dann denkt deine Gastfamilie letztendlich sehr egoistisch und erfüllt ihre Aufgabe, nämlich dir dabei zu helfen, eine tolle Zeit im Ausland zu verbringen, nicht wirklich. Das ist zumindest meine Meinung dazu... Ich hoffe ich konnte dir wenigstens ein bisschen weiter helfen, aber da ich grade selber als ATS in Kanada bin, habe ich natürlich auch keine Erfahrung...
Allerdings habe ich am Anfang u.a.auf Grund meines wirklich langen Schulewegs auch überlegt, die Familie zu wechseln und meine Gastesltern haben mich richtig gern (ich sie mittlerweile eigt auch und das Schulweg Problem hat sich erledigt da ich die Schule gewechselt habe), deshalb haben die sogar von sich aus mit der Homestag Orga hier Kontakt aufgenommen, weil sie wollen, dass ich eine wunderbare Zeit hier verbringe.
Wenn deine Familie das für dich auch viel, und ich finde das macht eine gute Familie aus, dann sollten sie deinen Wunsch respektieren!!!!! Viel GLück!!!Smily

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