Mit diesem Problem bist Du nicht allein!

Hallo,
ich war selbst 22 Jahre Internatsleiter (allerdings in Deutschland) und berate seit über 25 Jahren ehrenamtlich Eltern und Schüler in Internatsfragen. Ich weiß, wie allein man sich in einem englischen Internat fühlen kann. Überhaupt ist das Ausgrenzen von "Neuen" eine Internatsspezialität. Wenn dann noch Unterschiede in der Mentalität dazukommen (die englischen Eigenheiten werden leider oft unterschätzt), kann die erste Zeit in einem Internat sehr schwer werden. Engländer kultivieren eine gewissen Härte (a stiff upper lip). Man gibt Schwächen nicht zu und beißt die Zähne zusammen. Das ist für deutsche Schüler oft sehr gewöhnungsbedürftig, weil die einen überfürsorglichen Erziehungsstil gewohnt sind.

Zu allererst darfts Du Dir nicht allein die Schuld an der Situation geben. Praktisch a l l e Austauschschüler in englichen Internaten berichten, dass es sehr schwer für Deutsche ist, in den Kreis der englischen Schüler aufgenommen zu werden. Ich hoffe, du bist nicht in so einem versnobten Oberschicht-Institut gelandet. Du kannst gar nicht wissen, welche "Codes" dort gelten, durch die sich die Angehörigen einer bestimmten Gesellschaftsschicht untereinander verständigen/erkennen bzw. von anderen abgrenzen. England ist eine Klassengesellschaft. Schon der Besuch bestimmter Schulen hat vor allem die Funktion, sich von "den anderen" abzugrenzen. Von der Abgrenzung zur Ausgrenzung ist es nur ein kleiner Schritt.

Wenn Du erst zwei Monate in dem Internat bist, dürftest Du noch in der Probezeit sein. Ich kenne die englischen Vertragsbedingungen und die englische Rechtsprechung leider nicht, aber normalerweise müsste ein Internat die Möglichkeit einräumen, nach dem ersten Term auszusteigen, wenn das Internatsleben wirklich eine zu große Belastung darstellt. Dann müssten Deine Eltern auch nicht das gesamte Jahr bezahlen.

Auf jeden Fall solltest Du Dich Deinen Eltern anvertrauen und ihnen die Situation möglichst genau und sachlich schildern. Natürlich kann es sein, dass Du den Eltern das Einverständnis zu dem Englandaufenthalt sehr stark abgerungen hast und sie erhebliche Opfer bringen mussten, um Dir Deinen Wunsch zu erfüllen. Es ist dann oftmals sehr schwer einzuräumen, dass man falsche Erwartungen hatte und das Internatsprojekt ein "Schuss in den Ofen" war. Dabei wird Dir helfen, dass Du bestimmte Dinge eben auch gar nicht wissen konntest. Zudem ist der "Internatstourismus" nach England eben auch ein "Geschäft", und die "Kunden" werden oft mit falschen Versprechungen angelockt.

Englandaufenthalte werden ja oft über Agenturen oder Austausch-Organisationen vermittelt. Ich weiß nicht, ob eine solche Agentur oder Organisation in Deinem Fall beteiligt war. Wenn es eine seriöse Institution ist, besitzt sie in England Kontaktpersonen, an die man sich bei ernsten Problemen wenden kann und die vor Ort Gespräche führen können, um diese zu lösen.

Vielleicht findest Du auch Alternativen, zum Beispiel den Aufenthalt in einer Gastfamilie, in die Du noch umziehen könntest. Dort hättest Du sicherlich nicht so unter Ausgrenzung zu leiden.

Das wär's erstmal. Ich stehe Dir aber gern über meine Email-Dienstadresse AVIB_Ulrichstein@t-online.de (das ist der gemeinnützige Verein, für den ich arbeite) weiterhin zur Verfügung.

Viele Grüße
U. Lange

beitragkette.gif Auf diesen Beitrag gibt es eine Abfolge von 2 Antworten, ohne dass sich die Diskussion "verzweigt". Deshalb können gleich alle angezeigt werden:
vom 23.10.2012 20:43
E. D.

Danke

Danke erstmal für die ausführliche Antwort...

Das mit der "Härte" habe ich auch schon bemerkt und auch der berühmte englische Humor ist, meiner Meinung nach, nicht ganz so lustig.

Also ich glaube nicht, dass ich in einer Schule für Reichere bin, sonder eher so Mittelschicht. Hier sind ziemlich viele Kinder, deren Eltern in der Armee sind.
Ich glaube, dass Problem ist, dass hier wirklich jeder jeden kennt und das schon seit vielen Jahren.

Ich werde auf jeden Fall versuchen mindestens diesen Term zu Ende zu machen und nächste Woche, wenn ich nach Hause fliege, werde ich mit meinen Elter über die ganze Situation reden und mal abwarten, was sie davon halten.

Aber wenn ich abbrechen sollte und zurück nach Deutschland gehe, kann ich ja schlecht jedem erzählen, dass ich keine Freunde gefunden habe.

Aber ich versuche es nochmal und vielleicht rufe ich mal bei der Organisation an.

Viele Grüße
Emylia

Von Deinen Erfahrungen könnten vielleicht andere profitieren!

Hallo Emylia,
von Deinen Erfahrungen könnten vielleicht andere profitieren. Der "unabhängige Internatsberater" (Eigenwerbung) Peter Giersiepen schreibt:
"Englische Internate erfüllen nämlich aus deutscher Elternperspektive vor allem eine Erwartung: Disziplin und eine Beschäftigung über den gesamten Tag.
Der englische Internatsalltag hat Tradition und gilt nicht so elitär wie etwa die Schweizer Internatstradition - so jedenfalls aus deutscher Sicht. Interessanterweise haben solche Eltern meist Kinder in der 9., 10. oder 11. Klasse, die im deutschen Schulwesen nicht ausreichend das Lernen gelernt haben und aus Sicht der Eltern nachmittags zu viele Freiräume besitzen.
[...] Das allgemeine Image von Internaten bietet sich hier als relativ sichere Lösung an. Dies liegt aber weniger an den objektiven Einflussmöglichkeiten von Internaten auf junge Menschen, als an der geringen Kenntnis der Eltern über Internate und der mangelnden Reflexion über die wahren Gründe, ein Internat zu suchen. Viele Internatsleiter kämpfen mit den schier unerfüllbaren und meist unbewussten Erwartungen der Eltern."

Und an anderer Stelle:
"Leider jedoch klagen in immer noch zu vielen Internaten Eltern wie Schüler über zu viel Leerlauf sowie über zu wenig tatsächlich vorhandene Lern-, Förder- und Freizeitangebote. Dies überrascht zunächst und ist wenig bekannt. Viele Eltern schämen sich nämlich, öffentlich oder im Bekanntenkreis ihre Unzufriedenheit über das von ihnen selbst gewählte Internat zu äußern, für das sie doch schon genug Geld ausgeben."

In Deinem Satz: "Aber wenn ich abbrechen sollte und zurück nach Deutschland gehe, kann ich ja schlecht jedem erzählen, dass ich keine Freunde gefunden habe", klingt ja ähnliches an. Nach meinem Eindruck wird auf die Schwierigkeiten eines Internatsaufenthaltes in England zu wenig hingewiesen. Die betroffenen Schüler und Eltern rechnen einen Misserfolg oft sich selbst zu, der eher bestimmten Bedingungen oder Besonderheiten englischer Internate oder des Internatslebens allgemein zuzuschreiben ist. Oft wird dann aus falscher Scham geschwiegen, weil man den Spott seiner Umgebung über das "Scheitern" des Kindes/ das eigene Scheitern fürchtet.

Diskussionsübersicht
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T. M.
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E. D.
23.10.2012
Mit diesem Problem bist Du nicht allein!
23.10.2012
E. D.
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