enttäuschte Gastfamilie

Hallo an all die Gasteltern in diesem Forum, die schlechte Erfahrungen mit einem Austauschschüler gemacht haben.

Es ist ein beruhigendes Gefühl für mich zu lesen, dass es eben nicht nur "eine tolle, unvergessliche Zeit" war - sondern ein absoluter Fehlgriff.

Ich möchte hier unser Erlebnis erzählen:
wir sind eine ganz normale, typisch deutsche Familie, ländlich wohnend, mit großem Haus, Garten und Tieren. Unsere Söhne sind 12 und 14. Wir hatten uns für einen Amerikaner (17) entschieden. Vorher gab es regen Mailkontakt und wir freuten uns total auf unseren Gast. Wir richteten ihm ein eigenes Schlafzimmer ein, einen Raum zum "auf's Sofa legen um zu chillen" und er konnte das zweite Bad allein benutzen.
Im Vorfeld hatten wir uns natrülich Gedanken gemacht, was wir ihm zeigen wollten, ihm ein eigenes Fahrrad besorgt.
In den ersten Wochen war natürlich alles neu, interessant und aufregend. Nach drei Wochen merkten wir dann, dass er von sich aus keinerlei Anstalten machte aktiv zu werden. In seinem Bewerbungsbogen, den uns die Orga vorher zukommen ließ;, standen viele tolle Dinge, die er angeblich zu Hause aktiv unternahm: Crosslauf, Football, Golfen, Klettern.... usw. usf.
NICHTS von all diesen Dingen unternahm er hier von alleine. Mein Mann hatte ihn mit zum Fußballtraining genommen (angeblich spielte er in USA ständig), allerdings stand er nur dabei und schaute zu. Wir organisierten Kontakte für ihn mit Gleichaltrigen (Discobesuch, Shoppen, Treffen mit der baptistischen Gemeinde) - er ging nur mit, denn er abgeholt wurde bzw. aufgefordert. Von selber wurde er nicht aktiv. In der relativ kurzen Zeit haben wir für ihn einiges an Programm gemacht (Auswanderermuseum/Klimahaus Bremerhaven, Besuch eines Spiels in der 2. Liga, Stadtführung, Besuch der Landesgartenschau, Geburtstagsfeten)

ABER: es war ihm immer nicht genug. Laut seiner Aussagen fahren amerikanische Gastfamilien mit ihren Gastkindern in ständig in den Urlaub oder durch die Gegend...... Wir hatten ihm dann angeboten, dass er gern die anderen Schüler die durch die Orga in ganz D verteilt worden waren, zu treffen. Seine original Antwort: dazu habe ich kein Geld.
Das hat mich ziemlich sauer gemacht, diese Erwartungshaltung, dass wir mit ihm durch D fahren sollten - auf unsere Kosten. Auch ließ er sich nicht davon abbringen, dass wir für seinen Aufenthalt bezahlt würden. Die Lage spitzte sich immer mehr zu, er saß oft stundenlang am PC und skypte mit Mama.

Wir hatten ihn dann natürlich (und auch die Betreuer vor Ort) gefragt, ob er die Familie wechseln möchte. Aber das lehnte er ab. Immer wieder sprach er aber davon, dass er zurück möchte nach Hause - ABER, das ging ja nicht, weil seine Eltern dann das Stipendium zurück zahlen müßten und das könnten sie sich nicht leisten.
Und dann kam der Hammer!! Ich war an dem besagten Morgen bereits außer Haus, hatte ihn am Frühstückstisch allerdings gesehen und gesprochen - mir war nichts aufgefallen. Nachdem mein Mann und ich dann das Haus verlassen hatten, erzählte er unserem Ältesten, dass er in der letzten Nacht Tabletten genommen habe. Das hatte er natürlich auch seiner Mutter per Mail mitgeteilt und die rief selbstverständlich die Orga in USA auf den Plan. Als ich mittags nach Hause kam, stand das Telefon nicht mehr still. Die Einnahme der Tabletten war keineswegs lebensbedrohlich (es waren welche gegen Lactoseintoleranz) - aber allein die Tatsache, einen solchen Schritt zu unternehmen, war für mich ein Grund zu sagen: jetzt reicht's!!!!
Um es kurz zumachen: noch am selben Nachmittag fand ein Gespräch mit einem Psychater statt, der der Meinung war, dass keine Suizidgefahr bestände und er aus Heimweh so gehandelt hätte. Vom Krankenhaus fuhren wir zur Betreuerin, nach einem Gespräch und Telefonat mit der Orga kam dann für ihn "grünes Licht" dass er zurück fliegen könnte.
Es dauerte noch etwa eine Woche bis er endlich fliegen konnte - ehrlich gesagt, meine Familie war froh, als dieser Alptraum vorbei war. Im Nachhinein denke ich, dass er diesen ganzen "Aufstand" nur abgezogen hat, damit er das Stipendium nicht zurück zahlen muß.
Was mich aber am meisten ärgert ist, dass scheinbar aus den USA (nur von dem Land kann ich etwas sagen) jeder, der einigermaßen gute Noten hat, rüber kommen darf. Die Jugendlichen werden wohl nicht darauf geprüft, ob sie mental, emotional und geistig in der Lage sind, ein Jahr im Ausland angepaßt zu leben. Die Erwartungshaltung (meine Gastfamilie ist für meine Bespaßung zuständig) und trägt natürlich sämtliche Kosten für die Events, ärgert mich sehr. Von den Orga's wird einiges schön geredet - letzendlich bleiben einem nur Mehrkosten von 100 - 150 Euro/Monat, ne Menge Frust mit dem Endergebnis: NIE WIEDER!!!!

Auf diesen Beitrag gibt es eine Antwort:

Einfach nur schrecklich !

Hallo Uschi

Ich kann mich beim Lesen von deiner Schilderungen in jeder Zeile wiederfinden.

Es ärgert mich ganz besonders, wenn ich feststelle, dass viele Gasteltern (ebenso wie meine Familie und ich damals) von den Orgas im Stich gelassen und nach dem vorzeitigen Ende eines Austausche noch mit frechen Briefen und schwammigen Vorwürfen bombardiert werden.
Dabei scheinen jeden Menge finanzielle "Auflagen" wie selbstverständlich im "Gasteltern-Paket" fest verankert zu sein: 24-Stunden- Bespaßung, Animation und Europa-Rundreisen für den Gast werden offenbar vorausgesetzt...

Und jenen Gasteltern, die das Programm nervlich und finanziell ausgehalten haben, mussten ihren "Gast" (auf eigene Kosten, versteht sich) zum Flughafen nach Frankfurt/Main chauffieren. Wären von uns aus schlappe 500 km... Eine Fahrt, versteht sich. Aber soweit kam es bei uns ja glücklicherweise nicht mehr.

Wenn ich dazu höre, was die Gastschüler für einen 6-monatigen Austausch bezahlen, muss es für die Orgas ein einträgliches "Geschäft" sein. Und "unerfahrene" Gasteltern, die vielleicht noch auf Freundschaft, eine schöne Zeit und kulturellen Austausch hoffen, finden sich auch immer wieder. Da kann man auf einige unbequeme Gasteltern offenbar gut verzichten...

"Meine" Orga (das HUMBOLTEUM ) ist jedenfalls derzeit wieder kräftig in diversen Tageszeitungen auf Gasteltern-Suche.
Ich wünsche mir , dass sich Gasteltern finden, die der Orga ordentlich Dampf machen, wenn der "Gast" nicht in der Spur läuft.
Mit unseren Erfahrungen würden meine Familie und ich bei einem weiteren Schüleraustausch jedenfalls viel energischer vorgehen.
Ich mache mich doch nicht zum Hampelmann... und versinke wegen so einem Balg in selbstvorwürfen.
Und du , Uschi, solltest das auch nicht tun.

LG ANDREA

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