vom 28.3.2010 12:16
L. L.

Australien besser als Deutschland?

Hey,
ich bin fast am Ende meines Austauschs (9 Monate Australien).
Also erstmal mein Austausch war nicht einfach ( das ist er wahrscheinlich selten).

In meiner ersten Gastfamilie hab ich mich überhaupt nicht wohl gefühlt, mein gastvater war vielleicht einmal die woche zuhause, weil er in einer anderen Stadt gewohnt hat , meine gastmutter war immer schlapp und müde , der kleine Sohn vor dem Fernseher geparkt und ich saß im nirgendwo fest, wo nach 17.00 Uhr weder Busse rein noch raus fuhren. Das nahm mir die Möglichkeit nach der Schule (bis 15.30) noch was zu machen.Bringen oder Abholen konnte mich auch nie jemand. Ich hab mich so schlecht gefühlt, weil ich mir auch die schuld gegeben hab mich mit meiner gastfamilie nicht wirklich zu verstehen. Wie sich später herausgestellt hat, sind sie in der Zeit in der ich da war, durch eine Fehlgeburt und mehrere Versuche künstlicher Befruchtung durchgegangen, was ihnen aber zu persönlich war mir zu erzählen. Nach der Fehlgeburt meinte meine Koordinatorin dann ich sollte lieber wechseln.

Danach bin ich dann in eine Gastfamilie bekommen mit alten Gasteltern, in der meine Gastmutter bekannterweise Brustkrebs und mehrere Gehirntumore hatte. Die Gastschülerin vor mir wurde weil meine Gastmutter ins Krankenhaus musste rausgewechselt. ich hab gleich gesagt ich möchte da nicht rein wechseln, aber meine koordinatorin hat weder zugehört, noch mir irgendwelche zeit gegeben wirklich nachzudenken. Ich hab noch am gleichen Tag wechseln müssen. Und in meiner alten Gastfamilie bleiben wollte und konnte ich auch nicht.
Der erste Monat mit meiner Gastfamilie war ganz gut, obwohl sie unglaublich ungesund gegessen haben ( mindestens 3 Mal Fastfood die Woche). Wenigstens haben sie mich gefragt wie es mir geht, wie die Schule war etc.Außer ein paar Kleinigkeiten, ich durfte zum beispiel den fernseher nicht berühren und musste wenn überhaupt irgendwelche filme aus den 50 in schwarzweiß schauen, war alles okay. Ich hab mich wohl gefühlt und hab gedacht jetzt wird alles gut..
Dann ging es mit der Gesundheit meiner Gastmutter steil bergab.

Meine Gastmutter hatte Gedächtnisaussetzer, räumte meine Sachen weg und vergaß wohin. Das führte dann dazu, dass ich mein Handy (durch Anklingeln) in ihrem eigenen Badezimmer fand und solche Dinge.
Einmal fuhren wir im Auto zum Arzt und sie ist mit Tempo in die Parklücke und hat vergessen(!!!) zu bremsen. Wenn ich nicht (mit einer Geistesgegenwart die ich mir nicht zu getraut hätte ) die Handbremse gezogen hätte, wären wir über den Parkstreifen auf eine reichlich befahrene Straße gefahren. Danach hab ich mich geweigert mit ihr Auto zu fahren. Das macht das Leben auch nicht leichter.
Und zu Weihnachten bin ich nachdem alle im Bett waren noch aufgestanden, um die vergessenen Kerzen auszublasen.

Sie hatte riesige Gefühlsschwankungen aufgrund ihrer Medikamente, in einer Minute nahm sie einen in den Arm , in der nächsten schrie sie dich an . Ich wusste nie was ich erwarten sollte. Ich hab mir angwöhnt abends nach dem essen lieber schnell in meinen raum zu gehen, nachdem ich mehrfach angeschrien wurde, weil ich im wohnzimmer saß und las.( meisten sowas wie "sie will das licht ausschalten aber ich hindere sie daran blablabla)Für meinen Gastvater war das auch nicht leicht und er war meistens auch schlecht drauf.

Das schlimmste aber waren Gleichgewichtsstörungen. Einmal kam sie abends in mein Zimmer nur im Bademantel und ist ohne Grund einfach umgefallen, sodass sie beinah nackt, weil der Bademantel sich öffnete,auf dem Zimmerboden lag.
Das andere Mal ist sie in der Küche mit dem Kopf zuerst auf die Fliesen geknallt, weil sie sich nicht mit den Händen abgefangen hat (der Reflex hat auch nicht mehr funktioniert) und überall war Blut.
Ich hab mehrfach versucht zu wechseln, aber ich hab sie in dem ersten Monat so lieb gewonnen und sie hat so oft gesagt, wenn sie keine Austauschschüler mehr haben kann, sei sie so gut wie tot.
Und meine Koordinatorin, die von Anfang an wusste, dass meine Gastmutter im Endstadium an Krebs erkrankt war, hat mich weder unterstützt, sondern mir eher ausgeredet, die Gastfamilie zu wechseln. Sie hat mir das Gefühl gegeben, dass ich unglaublich anstrengend sei und schon zum zweiten Mal die Gastfamilie wechseln wollte und überhaupt sei alles meine Schuld.
Ich bin in dieser Familie über 5 Monate geblieben, mit zwei Monaten Sommerferien, in der meine Familie überhaupt nichts mit mir gemacht haben und ich so viel wie möglich rausging. Egal was oder mit wem nur nicht zuhause sein.

Dann hatte meine Koordinatorin einen schweren Unfall, sodass ich eine neue Koordinatorin bekam, die entsetzt war über die Verhältnisse in denen ich lebte und behauptete meine alte Koordinatorin habe nie etwas vom Krebs gewusst. Obwohl ich gefühlte tausendmal in ihrem Büro war und meine Gastfamilie auch alle Krankenhausbesuche etc angeben musste und die andere Austauschschülern ja aufgrund des Krebses wechseln musste. Also habe ich mal wieder die Gastfamilie gewechselt.

Zu meinem Glück haben meine Nachbarn , mit denen ich mich ein bisschen angefreundet hatte, angeboten mich zu nehmen, obwohl sie eigentlich keine Gastfamilie waren.
Diese Gastfamilie ist einfach toll. Sie sind zwar auch ziemlich alt, aber wenigstens gesund und aktiv und interessiert. Und ich bekomme Obst und Gemüse :):):)
Und jetzt ist der Austausch so gut wie vorbei. Ich hab endlich eine Familie und Freunde.
Freunde finden war für mich auch relativ schwer am Anfang, weil ich furchtbar verunsichert durch meine Gastfamilie war und einfach dachte ich bin vielleicht ein schrecklicher Mensch und alles ist meine Schuld (Ja ein klasse Selbstbewusstsein). Und weil ich mit mehreren anderen Austauschschülern zur gleichen Zeit kam, die aber alle schon nach 5 Monaten zurückgehen würden.

Aber jetzt wo alles gut ist, (Familie, Freunde ,Schule und einfach ein tolles Land) will ich eigentlich nicht wieder heim. Ich will mir gar nicht vorstellen, wieder die "Neue " zu sein (ich muss nämlich in den Jahrgang unter mir, weil ich eins der ersten "nach12JahrenAbi"- versuchskaninchen bin), wieder den "nachhause komm kulturschock " zu haben. Trotz allem liebe ich Australien und die Menschen und Mentalität hier.

Kann mir bitte jemand ein bisschen Mut machen? Mir kommt gerad in Australien (endlich!!) irgendwie alles besser als in Deutschland vor.

Sorry, dass der Text so lang war, ich musste das mal alles aufschreiben.
Danke schon fürs lesen:):):)

beitragabfolgen.gif Auf diesen Beitrag gibt es 2 direkte Antworten:
vom 29.3.2010 08:54
R. B.

Respekt

Hallo.
Erstmal Respekt, dass du das so gemeistert hast. Ich hoffe, dass du stolz auf dich bist und jede Menge durch deine Erlebnisse gelernt hast.
Geniess die restliche Zeit einfach so gut du kannst. Und es muss ja in ein paar Monaten nicht ein Abschied für immer sein ;)

Wie geht es eigentlich mittlerweile deiner alten Gastmutter?
LG

hey

ich finde das auch toll wie du das gemeistert hast. sich so durchzubeissen, verlangt ne menge an staerke und durchhaltevermoegen!! hut ab ;)
ich hatte einen schlechten start hier, die gastfamilie war relativ gemein zu mir (gewollt oder ungewollt haben sie auf meinen gefuehlen rumgetrampelt...) und da die sache mich die ersten 3 monate so sehr belastet hat, war freunde finden auch nich besonders einfach. aber nach 3 monaten wechselte ich die familie und fand die beste gastfamilie, die man sich vorstellen kann, ich bin so eng mit meiner gastschwester geworden, die fuer mich wie eine schwester und beste freundin geworden ist und dann waehrend des musicals habe ich so tolle leute getroffen, so viele freunde gefunden..
waehrend der letzten wochen hat sich einfach eine so tiefe dankbarkeit in mir entwickelt, dass ich von all den plaetzen, wo ich haette landen koennen, in dieses kaff im grauen new york state gekommen bin, da ich hier so tolle freunde gemacht habe und so eien wunderbare familie gefunden habe. wenn mir dann klar wird, dass ich nur noch 8 schulwochen habe und das in 12 wochen alles vorbei sein soll, bekomme ich so leichte panikgefuehle..
ich geniesse den amerikanischen lebensstil und das ist ein einmaliges tolles erlebnis, aber hier zu leben, koennte ich mir nicht vorstellen. ich bin halt im herzen europaeisch und ich denke, das wird auch immer so bleiben fuer mich..
fuer mcih ist amerika nicht besser als deutschland, es ist anders
aber das alles hier ist mein leben geworden und deswegen liebe ich amerika und alle die leute die hier leben sosehr. amerika wird wohl imer ein teil von mir sein.
LG :)

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