Claudia S.

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Rückblick - oder - Es fing an mit einem Austauschjahr

Ein Austauschjahr hört niemals auf, weil man viele Dinge erst versteht, wenn die Zeit dafür reif ist.

Manchmal kann ich es selbst kaum glauben, dass mein Austauschjahr nun schon fünf Jahre zurückliegt. Wie wohl viele habe auch ich ein Jahr in den USA, genauer gesagt im heißen und doch eher wüstenähnlichen Westtexas verbracht (Wer jemals dort war, wird dies bestätigen!).

Jetzt, mit einem gewissen zeitlichen Abstand und mit einem objektiveren Blick zurück zu meinem Austausch, sind mir viele kleine Dinge bewusst geworden; Dinge, die mir erst im Nachhinein klar gemacht haben, dass ein Austauschjahr weit über die 11 Monate weg von zu Hause lebendig bleibt und erst im Laufe der Jahre seine wichtige Bedeutung für einen selbst enthüllt.

Über mich selbst würde ich sagen, dass ich mit meinen damals 16 Jahren doch noch sehr jung war, mich aber sicherlich älter und erwachsener und reifer fühlte, um mein Austauschjahr wirklich voll auszukosten. Bestimmt habe ich viele Sachen verpasst, die für mich eigentlich hätten wichtig und sogleich aufregend hätten sein können, für die ich aber zu dieser Zeit kein offenes Auge hatte. Und deshalb maß ich ihnen wenig Bedeutung bei.

Natürlich war die Euphorie vor meiner Abreise in die USA größer, als dass ich erst irgendwelche Bedenken oder gar Ängste aufkommen hätte lassen. Immerhin war es doch ein riesiges Abenteuer, seine Koffer zu packen und für ein Jahr das warme Nest zu verlassen, um sich in die “große weite Welt” zu begeben. Und dazu auch noch nach Amerika!! Wer hat da noch nicht von geträumt? Fragen und Neugierde vermischten sich: Wie wird es dort wohl sein, im Land des Fast Food und Football? Wie wird meine Gastfamilie leben? Werde ich mich wie in einer High School in Beverly Hills 90210 wiederfinden? Und was werde ich in einem Jahr überm Teich alles erleben?

Da blieb meinen Gedanken wenig Platz für Zweifel und Grübeleien. Gedanken über meine persönlichen Fähigkeiten und meine Reife, die doch wesentlich zu einem positiven “Gelingen” des Austauschjahres beitragen würden. Viele kleine und große Hindernisse ließen mich bei so manchen Sachen im Regen stehen, von denen ich vor Verlassen des vertrauten Nestes geglaubt hatte, sie gewiss meistern zu können:

Die Schüchternheit, die einen daran hindert, ohne Angst vor Zurückweisung auf andere zuzugehen. - Der Tatendrang, der manchmal fehlt, weil man meint, es sowieso nicht zu schaffen. - das mangelnde Bemühen, seinen Gasteltern eine angemessene Dankbarkeit dafür zu zeigen, dass sie einen mit Zuneigung und Beistand zum Teil ihrer Familie werden lassen und vor Konflikten mit uns Teenagern nicht zurückschrecken (dabei wissen wir, wie anstrengend es sein kann, einen Jugendlichen im Alter von 16/17 Jahren im Haus zu haben!). - Das Heimweh, das einen manchmal überkommt und eine zwischen zwei Welten sitzen lässt, in denen man sich in keiner von beiden so richtig angehörig fühlt. - Das Verständnis und die Offenheit, die manchmal fehlen, um so manche Eigenheiten der fremden Kultur verstehen zu wollen…- und das zögernde Eingeständnis, dass man eben doch seine Schwächen hat und so einige Grenzen überwinden muss, mit denen man vorher nie so hautnah konfrontiert war.

Während meines Austauschjahres haben sich diese “Schwachpunkte” natürlich mit all den vielen positiven und unvergesslichen Momenten vermischt, die mir gezeigt haben, dass ich in manchen Situationen wiederum doch viel stärker und mutiger bin, als ich angenommen hatte. Ich war in der Lage, das erste Mal auf eigenen (wenn auch manchmal wackeligen) Füssen zu stehen und mir weit weg von daheim eine kleine Lebenserfahrung aufzubauen und ein Stück von mir selbst dort zu lassen.

Oft denke ich an all die Menschen zurück, denen ich während meines Aufenthaltes begegnet bin. Da waren die flüchtigen Bekanntschaften aber auch die guten Freundschaften. Und auf meine Frage, was ich alles in einem Jahr erlebt habe, gibt es sicherlich tausende Antworten…

Vielleicht ist ja “erleben” das falsche Wort, denn vielmehr habe ich Erfahrungen gesammelt, habe dazugelernt und bin mit meinen Schwächen gewachsen und reifer geworden. Denn mittlerweile bin ich der Auffassung, dass man nicht von einer puren “Austauscherfahrung” sprechen sollte, sondern vielmehr von einer Erfahrung fürs Leben, die einem den Anfang dafür bieten kann, sich selbst kennen zulernen und Schritt für Schritt kleine und große Hindernisse zu überwinden.

Ich glaube, dass einem irgendwann, nach vielen Jahren, diese elf Monate weg von zu Hause vielleicht nur noch als blasse Erinnerungen bleiben. Viele kleine Erlebnisse, Namen und Fakten verirren sich leider irgendwann in der Rumpelkammer und werden nur manchmal wieder abgestaubt - schließlich geht das Leben weiter wie im Flug.

Was jedoch bleibt, so glaube ich, ist das Bewusstsein darüber, dass dieses “Abenteuer” der Anfang für noch Größere ist und dass das Größte von allem wohl die Reise in uns selbst ist - und wahrscheinlich immer sein wird:

Sich selbst beim Namen nennen zu können, ohne eine Maske zu tragen. Seine Ängste zu überwinden und dem Leben mit offenen Armen entgegenzutreten. Jeden Moment schätzen lernen und dankbar dafür zu sein, was einem die Vergangenheit lehrt.

Und vor allem Geduld zu haben, wenn man so manche Dinge nicht sofort versteht, sondern erst dann, wenn die Zeit dafür reif ist.

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