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Wer mit dem Strom schwimmt, kommt dort an, wo Alle ankommen.

Die ausgetretenen Pfade zu verlassen ist eine Grundbedingung für neue Erkenntnisse. Wir haben das Experiment gewagt, und einen richtigen Austausch durchgeführt – d.h. wir haben über die Austauschorganisation (YFU) nicht nur unser Kind in eine fremde Gastfamilie gegeben, sondern wir haben im nun ja freien Zimmer auch ein Gastkind aufgenommen. So kam der Austausch quasi auch zur Schwester nach Hause.

Vertrauen in das eigene Kind ist wichtig und wird belohnt. Die richtige Austauschorganisation dazu ist ebenso wichtig und hilft durch Erfahrung und Eltern in gleicher Situation. Wir fühlten uns in jeder Situation gut beraten und unterstützt.

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Vorurteile, die zutreffen: -38°C
Das Land der Wahl unserer Tochter war Russland. Wir haben sie dabei unterstützt, wurden aber aus dem Bekanntenkreis oft mit solchen Fragen konfrontiert, wie: "Ist das nicht gefährlich?" oder das absolute Stereotyp: "ist das nicht zu kalt?"

Mit ähnlichen Vorurteilen wurde unser Gastkind aus Moldawien konfrontiert: „In Deutschland sind alle reich und alles ist ordentlich!“
Unser Gastmädchen verblüffte uns mit der Frage: „Wenn Deutschland so reich ist, warum gibt es dann in der Schule keinen Arzt? – Im armen Moldawien gibt es das!“
Die deutsche Ordnung hingegen verwunderte: Alle kommen zur vorgeschriebenen Zeit zur Kirche, singen gleichzeitig dieselben Lieder, sitzen dabei und gehen gemeinsam wieder!?

Umgekehrt erfuhr unsere Tochter in Russland genau das Gleiche: „Der Schularzt legt fest, ob Schulbesuch (un-)möglich ist!“ In der Kirche kommt und geht Jeder, wann er will und es gibt keine Sitzgelegenheiten.

Das sind natürlich nur Beispiele. Wir haben alle miteinander viel gelernt, Vorurteile abgebaut und die Anderen zum Nachdenken gebracht. Unser Gastkind hat den Weihnachtsbaum bestaunt und unsere Tochter ist am 24. Dezember brav (weil normal) zur Schule gegangen.

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Austauschjahr in Dresden: Erdbeerernte
Und dann immer diese Fragen: "Wieso ist ein Polizeieinsatz in Moskau 'staatliche Willkür gegen Andersdenkende' – aber in Stuttgart (mit Verletzten!) ist es das nicht?"

Da kann man drüber nachdenken. Auch über die Frage, warum eine Straßenbahnfahrt in Dresden fast genauso viel kostet wie ein Billigflug nach Köln.

Man denkt nicht darüber nach, wenn man die ausgetretenen Pfade nicht verlässt, mit dem Austausch auch den Schritt aus dem eigenen Kulturkreis hinaus macht. Und das gilt für beide Seiten.

Gewiss, es gibt viele Schwierigkeiten, die überwunden werden wollen. Heimweh, Schüler-BAföG oder verständnislose Lehrer, die wir leider erleben mussten. Aber es lohnt sich die Probleme zu lösen.

Letztlich führt es zu mehr Verständnis füreinander. Und das ist es doch, was wir erreichen wollen. Neben dem Erkenntnisgewinn für das Erwachsenwerden und einer Verbesserung der beruflichen Perspektive ist Verständnis und Toleranz ein wichtiges Ergebnis von Schüleraustausch. Bei uns hat es funktioniert.

U.Riedel


Unser Tipp: "Ausgetauscht. Mit 16 allein nach Russland" - In diesem Buch schreibt Herr Riedels Tochter über ihr Austauschjahr. Sehr lesenswert!

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