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Die Redaktion

Heimweh

Vor genau 30 Jahren – 1982 – ging ein Ausspruch um die Welt, der Millionen Menschen bis heute zu Tränen rührt: „Phone home“ („Nach-Hause-Telefonieren“) fordert E.T. in dem gleichnamigen Film von Steven Spielberg. Der jugendliche Außerirdische ist nicht rechtzeitig zu seinem Mutterschiff zurückgekehrt, das ihn versehentlich auf dem Planeten Erde zurücklässt. Eine australische Familie findet ihn, nimmt ihn auf und versteckt ihn vor der Staatsgewalt. Obwohl sich der Kleine langsam einlebt und sogar die menschliche Sprache lernt, zeigt er immer wieder mit seiner knochigen Hand gen Himmel und jeder versteht, was das bedeutet. Heimweh - die Sehnsucht nach all dem Vertrauten der heimatlichen Umgebung. Gemeint sind die Familie, die Freunde, lieb gewonnene Orte und alltägliche Momente.

Doch wie entsteht eigentlich das Heimweh und was kann man als Austauschschüler dagegen machen?

Ursachen für das Heimweh
Das Heimweh ist untrennbar mit dem verbunden, was der Leidende als Heimat empfindet. Sprache, Kultur, Werte, vertraute Orte und gesellschaftliche Normen spielen hier genauso eine Rolle wie die Familie, die Freunde und das alltägliche Umfeld. Hier sind wir Teil eines Ganzen, hier haben wir einen Platz, eine Aufgabe und eine Identität. All das löst bei uns ein positives Gefühl und es hilft uns, die Herausforderungen des Alltags zu meistern.
Wenn wir aber nun als Austauschschüler tausende Kilometer und für lange Zeit an einem Gastschulaufenthalt teilnehmen, dann tauschen wir gewissermaßen all das, was wir kennen und für selbstverständlich halten, gegen etwas anderes, Fremdes und oft auch Widersprüchliches aus. Die neue Kultur zwingt uns ihre Regeln auf und stellt damit unsere eigenen plötzlich in Frage stellen. Nicht selten folgen Streitereien mit der Gastfamilie, den Schulkameraden oder den Organisatoren. Manchmal droht gar ein Wechsel der Gastfamilie oder sogar der Abbruch.

Was kann ich gegen tun?
Zunächst einmal ist eines ganz entscheidend: nämlich die eigene Sicht auf die Dinge. Heimweh bedeutet letztlich nichts anderes, als dass der Austauschschüler vor Ort unzufrieden ist und sich in seiner gewohnten Freiheit eingeschränkt fühlt. Gerade Jugendliche, denen das oft gar nicht bewusst ist, brauchen das vertraute Zuhause und all die zwischenmenschlichen Verbindungen, die ihnen täglich das Gefühl von Sicherheit vermitteln. Egal, wie nervig das eigene Zuhause manchmal sein kann, wer sich als Austauschschüler in dem Gastland fremd, einsam und unverstanden fühlt, dem erscheint das vertraute Deutschland nun als die attraktivere Alternative. Leider ist die vorerst unerreichbar.
Dieser Gedanke führt zu unserem Heimweh und es folgen Symptome wie Angst, Magenschmerzen, bis hin zu Übelkeit und Depression. Je stärker der Wunsch nach der Heimat wird, umso stärker ist auch das Leiden. Die gute Nachricht ist, man kann tatsächlich einiges dagegen machen:

Erstens: Information und Verständnis.
Abhilfe kann man bereits im Vorfeld schaffen, wenn man sich intensiv über das Land, die Kultur und die dortige Gesellschaft informiert. Wer gut informiert ist, kann sein Gegenüber dann auch besser verstehen. Denn ganz gleich wie unterschiedlich das Gastland und eure Gastfamilie im Vergleich zu Deutschland auch sein mögen: soziologisch gesehen, haben alle Menschen auf dieser Welt ähnliche Werte, Ansichten und alltägliche Handlungsmuster. Sucht nach den Gemeinsamkeiten! Außerdem hilft ein echtes Interesse für den anderen beiden Seiten, die ersten Schwierigkeiten schnell zu überwinden.

Zweitens: Vermeidet Vergleiche!
Denn wer vergleicht, hat schon verloren. Natürlich ist in Deutschland vieles anders. Das muss man seinen Gasteltern und Mitschülern jedoch nicht immer auf die Nase binden. Macht Euch zum Beispiel eine Liste zu den Dingen, die ihr in Deutschland gar nicht mögt. Schnell werdet ihr feststellen, dass auch dort bestimmte Dinge nicht nach Eurem Willen gehen. Im Gegenzug schreibt auf, was Euch an der neuen Umgebung, Familie und Schule besonders gut gefällt.

Drittens: Nehmt Euch vertraute Gegenstände von Zuhause mit!
Fotos, Filme, Bücher, Kuscheltiere, Briefe, Süßigkeiten. Und kauft vor Ort Dinge, die Euch an Zuhause erinnern, wenn es mal ganz schlimm kommt. Zum Beispiel könnt ihr typisch deutsche Lebensmittel kaufen und ein leckeres Essen für eure Gastfamilie kochen.

Viertens: Anpassung und Ablenkung!
Geht raus, lernt Menschen kennen, tretet einem Verein, Chor oder Sportclub bei, startet ein Foto- oder Filmprojekt, schreibt einen Blog – egal was, aber macht etwas! Ihr habt die einmalige Chance, weit weg von euren gewohnten Strukturen, euch und die Welt vollkommen neu zu entdecken.

Fünftens: Schafft euch Rituale und lasst euch vor Ort auf welche ein!
Jede Familie, Schule oder Gemeinde hat ihre ganz eigenen Rituale, die eine alltägliche Atmosphäre und Vertrauen schaffen. Diese zu kennen und anzuwenden, bietet euch die Chance dazuzugehören.

Sechstens: Gebt euren Gastfamilien eine ehrliche Chance!
Denn sie haben euch ausgesucht und bei sich aufgenommen. Eure Bewerbung hat gefallen. Findet heraus, warum das so ist! Denn auch wenn sie nicht eure leiblichen Eltern sind, so haben die Gastfamilien dennoch ein ganzes Jahr für euch die Verantwortung übernommen. Ein gutes Verhältnis ist also im Interesse aller.

Siebtens: Sucht Euch Gleichgesinnte!
Gibt es noch andere Austauschschüler? Oder Mitschüler mit deutschen Wurzeln? Wenn das Heimweh allzu stark wird, dann sprecht sie doch mal an! Vielleicht haben sie noch einen besonderen Tipp für dich, wie du das Heimweh besiegen kannst.

Zu guter Letzt ein Tipp an die Eltern:
Gebt euren Kindern einen selbst gebastelten Austauschkalender für die ersten Tage oder Wochen mit! Jeden Tag kommt ein kleines Präsent zum Vorschein, das an die Heimat erinnert und gleichzeitig die Eingewöhnung in das neue Zuhause erleichtert. Und: Auch Eltern müssen ein wenig loslassen, damit es ein unvergessliches Jahr werden kann.

Und wer hat’s erfunden? Die Schweizer!
Zum ersten Mal tauchte der Begriff „Heimweh“ 1688 in einer Schweizer Doktorarbeit des Arztes Johannes Hofer mit dem Thema „Nostalgia oder Heimwehe” auf. Damals bezeichnete man das Heimweh auch als Schweizer Krankheit (lat. morbus helveticus). Hofer beschrieb ein Phänomen, das man unter Schweizer Söldnern beobachtet hatte, die weit von der Schweiz im Einsatz waren und von jenem erdrückenden Gefühl geplagt wurden. Hofer erfand dafür das Wort Nostalgia. Es verbindet die griechischen Worte νόστος (dt. ‚Rückkehr‘) und άλγος (dt. ‚Traurigkeit‘, ‚Schmerz‘, ‚Leiden‘).
Seine Bedeutung im heutigen Sprachgebrauch erhielt das Heimweh jedoch erst im 19. Jahrhundert, genauer in der Zeit der Romantik.

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