Tochter mit Freundin

Janna D.

Welch ein Schreck: Mein Kind ist erwachsen!

Der Auslandaufenthalt von Marie war auch für ihre Mutter Katharina Doll-Habedank ein großes Abenteuer. Sie war manchmal im siebten Himmel, manchmal todtraurig. Und wie ihre Tochter hat auch sie selbst jede Menge dazugelernt.

Meine Tochter Marie hatte schon als 14Jährige davon geträumt, eine High School zu besuchen und den Abschluss richtig mit Ball und Kleid zu feiern. Damals war sie manchmal ein richtiger Kotzbrocken und wir sind häufig aneinander geraten: Der Ton war nicht immer angemessen und sie wollte vieles alleine machen, was sie noch nicht konnte. Dann wurde an ihrer Schule die 13. Klasse abgeschafft, sie gehörte zum ersten Jahrgang, der davon betroffen war. Ich war nicht so begeistert von der Idee, dass sie mitten in der Umstellung schon mit 17 das Abitur macht und dann mit dem kompletten Doppeljahrgang an die Uni schwirrt. Und so kamen wir auf die Idee, dass wir mit einem Austauschjahr einfach unser privates G9 machen. Wir besuchten gemeinsam Vorstellungsabende an der Schule, wo Schüler von ihrem Austauschjahr berichteten. Wir hatten erst den Eindruck, dass wir uns das gar nicht leisten können. Doch sie war so begeistert von der Idee, dass wir gesagt haben: „Das muss einfach klappen!“ Und wir haben das Geld dann zusammenkratzen können.

Marie mit anderen Austauschschülerinnen
Marie mit anderen Austauschschülerinnen

Ein gutes halbes Jahr vor dem Abflug haben wir dann den Vertrag unterschrieben und damit hat sich auch schlagartig unsere Beziehung verbessert: Wir wollten nicht im Streit auseinandergehen. Sie hat nicht mehr so oft versucht, ihren Kopf durchzusetzen. Und ich habe auch mal alle Fünfe gerade sein lassen. Manchmal habe ich auch im Streit gesagt: „Erlaub dir das mal bei deiner Gastfamilie, dann bist du ganz schnell wieder zuhause.“ Aber wir haben auch ganz bewusst noch einmal Zeit zusammen verbracht. Bei den organisatorischen Dingen wie der Visa-Beantragung wurden wir zwar von der Organisation gut betreut. Doch als die Abreise anstand, war ich trotzdem sehr unsicher: Was passiert, wenn sie in den USA ein Problem kriegt – eine Mittelohrentzündung, Liebeskummer, Mobbing in der Schule? Kümmert sich jemand um sie? Wird sie allein zurechtkommen? Schon vor dem Abflug musste ich damit anfangen, sie loszulassen.
Marie mit ihren Gasteltern
Marie mit ihren Gasteltern
Unser Kurzurlaub in den USA
Unser Kurzurlaub in den USA
Einer der Haushunde
Einer der Haushunde

Als wir sie dann zum Flughafen gebracht hatten, fanden wir auf dem Wohnzimmertisch eine CD mit ihren Lieblingsliedern und Fotos, die sie auch besprochen hatte, damit wir ihre Stimme hören können. Wir saßen dann alle zusammen vor dem Fernseher und haben geflennt. Das war so schön! Doch die Zeit danach war schwer. Die ganze Familie musste sich umstellen, das hatten wir vorher gar nicht so erwartet. Für Maries kleineren Bruder war es natürlich schön, plötzlich die Nummer 1 zu sein und nicht teilen zu müssen. Aber es fehlte auch jemand, mit dem er mal gemeinsam Musik hören, einen Film gucken oder sich streiten konnte. Mein Mann wollte Maries Zimmer nicht mehr betreten. Ich hatte nach drei Wochen die letzten Socken von Marie aus den Ecken geholt und mir wurde bewusst: „Sechszehn Jahrelang habe ich mich daran gewöhnt, ihre Wäsche zu waschen und jetzt ist erstmal Schluss damit. Sie ist nicht mehr da. Es ist noch nicht einmal Wäsche von ihr da.“ Das hat mich sehr traurig gemacht.

Wir haben dann häufig Emails geschrieben und manchmal haben wir uns auch in Chaträumen oder bei Skype verabredet. Eigentlich haben wir uns in dieser Zeit sogar mehr erzählt als vor dem Auslandsaufenthalt. Nach drei Monaten hatte Marie ihren ersten Auslandskoller, sie hat einfach Heimweh bekommen und wollte nach Hause. Ich habe ihr dann gesagt: „Du ziehst das fünf Tage durch. Und wenn jeder einzelne Tag nur schlecht war, dann können wir darüber reden. Aber jetzt musst du der Situation die Chance geben, sich zum Besseren zu entwickeln“. Wir haben die nächsten Tage dann sehr intensiv miteinander gesprochen und bald ging es ihr besser. Wir hatten auch vereinbart, dass sie im Notfall eine SMS schicken kann, damit wir schnell telefonieren. Das hat sie einmal gemacht, als sie sich mit ihrem Gastvater in der Wolle hatte. Sie hatte sich aber schon überlegt, wie sie mit der Situation umgehen wollte, und sie brauchte keine Tipps. Sie wollte nur jemanden, der ihr zuhört. Und nach zwei oder drei Tagen war alles schon wieder gut. In dem Gespräch habe ich so richtig gemerkt, wie erwachsen sie geworden ist. Ich habe in dem Austauschjahr auch viele liebe und innige Briefe von meiner Tochter bekommen und Postkarten, auf denen zum Beispiel „allerbeste Mutter der Welt“ stand. Da schrieb Marie auch ganz deutlich: „Erst auf die Distanz weiß ich so richtig, was ich an dir als Mutter habe“. So etwas bekommt man im normalen Alltagschaos mit Arbeit, Schule, Sportverein und Hinterhermeckern manchmal gar nicht mit.

Natürlich gab es aber auch Konflikte: Einmal habe ich zum Beispiel auf der Facebook-Seite meiner Tochter einen Kommentar ihrer Gastmutter gelesen. Da stand „I love you, Marie!“. Kurz darauf antwortete Marie „I love you, too!“ Das war für mich ein großer Stich ins Herz. Doch Marie hat mir dann am Telefon erklärt, das das in den USA eine Floskel ist, die eine andere Bedeutung hat als in Deutschland. Mein Mann und ich haben Marie schließlich aus den USA abgeholt. Es war wunderschön, Marie am Flughafen wieder in die Arme schließen zu können. Doch es gab auch während des Besuchs Konflikte: Marie wollte zum Beispiel hinterher allein nach Hause fliegen, um die Erfahrungen aus dem Jahr verarbeiten zu können. Ich konnte das erstmal gar nicht verstehen. Und dann der Abschied: Die Gasteltern haben erst Marie zum Flughafen gebracht und dann uns. Es gab viele Tränen und das war eine blöde Situation. Inzwischen ist Marie schon seit fast einem Jahr wieder zuhause. Vom Verlängern des Büchereiausweises bis zur Absprache der Zahnarzttermine erledigt sie viele Dinge selbst, die ich vorher für sie geregelt habe. Es war nach ihrer Rückkehr erst komisch für mich, dass sie mich für so etwas nicht mehr braucht. Aber ich habe jetzt gelernt: Mein Kind ist groß und hat seine eigene Persönlichkeit. Und jetzt? Hat Marie gerade die Zusage für ein freiwilliges soziales Jahr in Thailand bekommen. Und ich sehe das schon viel entspannter…

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