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AJA - ein Lobbyist der Sache wegen!

Der Arbeitskreis gemeinnütziger Jugendaustauschorganisationen - kurz AJA - wurde 1993 ins Leben gerufen. Seine Mitglieder nutzen ihr Know-how, um sich gemeinsam auf dem derzeit stark umkämpften Austauschmarkt zu behaupten und - dies gewiss zum Vorteil von Schülern und Eltern - um ihre Arbeit weiterzuentwickeln und rechtliche Aspekte rund um ein Austauschjahr zu vereinfachen.

Ich treffe mich mit Dr. Uta Julia Wildfeuer, der AJA Repräsentantin, in ihrem Berliner Büro. Das Büro liegt in einem für Berlin-Mitte typischen Bürohaus: Verschiedene Firmen und Selbständige teilen sich die Büroetagen miteinander. Der AJA sitzt hier neben Internetunternehmern, Architekten, Beratern und PR-Agenturen. Das Büro ist schlicht eingerichtet. Neben den zwei Schreibtischen von Frau Wildfeuer und ihrer Kollegin gibt es einen großen runden Gesprächstisch. An diesem nehmen wir Platz und wie sich im folgenden Gespräch herausstellt, braucht es für die Arbeit des AJA auch gar keine pompösen Räumlichkeiten, sondern neben Telefon, PC und Drucker vor allem einen langen Atem und eine gute Portion Hartnäckigkeit.

Julia Wildfeuer
AJA-Repräsentantin Dr. Uta Julia Wildfeuer


Der Anfang - Visumprobleme und ein gemeinsames Grundverständnis

Die vier Austauschorganisationen AFS, Experiment, Partnership International und YFU verabredeten sich 1993 erstmals zu einem gemeinsamen Arbeitstreffen. Ziel war es sich über bestehende Probleme der eigenen Arbeit auszutauschen und bestenfalls gemeinsam Lösungen zu suchen. Eine drängende Schwierigkeit war damals die Beantragung und Genehmigung der Schüler-Visa von ausländischen Jugendlichen, die an einem Schüleraustausch in Deutschland teilnahmen. Auch wenn im Jahr 1993 innerhalb der Europäischen Union Personenkontrollen abgebaut wurden und man seit dem als EU-Bürger recht problemlos in einem anderen europäischen Land für längere Zeit leben kann (Personenfreizügigkeit), blieb die Organisation eines langfristigen Auslandsschulbesuchs außerhalb und innerhalb der EU keine einfache Sache. Die Austauschorganisationen verabredeten an dieser Stelle erstmals, ihre Kräfte zu bündeln. Gemeinsam nahmen sie Verhandlungen mit dem Auswärtigen Amt auf, um das Antrags- und Genehmigungsverfahren an deutschen Botschaften im Ausland für die Schüler-Visa einfacher zu gestalten. Erste Verhandlungen kamen schnell zustande und dieser Erfolg machte natürlich Mut, die gemeinsame Arbeit fortzuführen. Und so entstand zwischen den vier Austauschorganisationen eine Diskussion um die Fragen „Was verbindet uns?“, „Wie grenzen wir uns von anderen Austauschorganisationen ab?“ und „Welche Themen können wir gemeinsam bearbeiten?“.



AJA - ein Bund von Gleichgesinnten

Aus der Außenperspektive betrachtet, scheint der AJA ein recht exklusiver Kreis zu sein. Neben den vier Gründungsmitgliedern AFS, Experiment, Partnership International und YFU gibt es mehr als zwanzig Jahre später nur zwei weitere Mitglieder: Open Door International und Rotary Jugenddienst. Warum ist das so?

Frau Wildfeuer: „Es gibt immer mal wieder Anfragen von Austauschorganisationen. Unsere Kriterien für die Aufnahme in den AJA sind jedoch sehr klar: Erstens der beidseitige Schüleraustausch - also nicht nur die Entsendung von Schülern ins Ausland, sondern auch die Organisation von Schüleraustausch nach Deutschland. Dies ist die oberste Prämisse und hier fallen schon sehr viele Organisationen raus. Zweitens die Gemeinnützigkeit der Organisationen. Wenn diese beiden Kriterien erfüllt sind, muss man in das Tiefere einsteigen. Wir diskutieren beispielsweise folgende Fragen: Wie wird während des Austauschs betreut? Wie professionell beschäftigt man sich mit der Vor- und Nachbereitung der Schüler? Wie viele Ehrenamtliche engagieren sich im Verein? Besteht eine Ländervielfalt im Angebot und steckt ein politisches Bestreben hinter der eigenen Arbeit? - Das sind alles Fragen, die uns wichtig sind und die die Aufnahme in den AJA bestimmen.“

Heute sind die sechs Austauschorganisationen im AJA als rechtskräftige Gesellschaft (GbR) organisiert. Die Kosten für die Zusammenarbeit tragen sie gemeinsam. Ein Blick auf die Website des AJA verdeutlicht: Der AJA ist Lobbyist und Fachgremium zugleich.


Lobbyarbeit

Der AJA vertritt die Interessen seiner Mitglieder in Politik und Öffentlichkeit. Er ist auf internationaler Ebene mit den Dachverbänden von Austauschorganisationen vernetzt, ist Mitglied im IJAB (Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V.), in der AG Schutzkonzepte des UBSKM (Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs) und im Netzwerk "Austausch Deutschland - China" des Auswärtigen Amtes. Auch steht der AJA im Austausch mit politischen Institutionen wie dem Bundesinnenministerium, den Kultusministerien der Länder und dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Der AJA vertritt aber nicht nur die Interessen seiner Mitglieder, die sich auf dem in den letzten Jahren verstärkt umkämpften Austauschmarkt behaupten müssen, sondern er setzt sich auch für die Sache des Schüleraustauschs allgemein ein:
  • So entstanden durch Initiative des AJAs die Flyer zu den Richtlinien der Bundesländer für die Anerkennung eines Auslandsschuljahrs - was (laut Frau Wildfeuer) „richtig dicke Bretter bohren“ war. Nicht nur die Erstauflagen brauchten so ihre Zeit, auch bei den gerade in Arbeit befindlichen Neuauflagen der Flyer, kann die Abstimmung mit den Kultusministerien der Länder bis zu sechs Monate benötigen.
  • Mit der bundesweiten Kampagne „Gastfamilien leben Weltoffenheit“ mischt sich der AJA derzeit in die politische Debatte über eine „Willkommenskultur in Deutschland“ ein und würdigt das Engagement der Gastfamilien.
  • Regelmäßig tritt der AJA mit Politikern in Kontakt, um über die Entwicklung des internationalen Jugendaustauschs und seine rechtlichen Bedingungen zu diskutieren. Dabei stehen nicht nur deutsche Schüler im Fokus, die ein Jahr im Ausland verbringen, sondern auch ausländische Gastschüler.

    Frau Wildfeuer: „Es kommen im Jahr knapp 3.000 ausländische Schüler nach Deutschland, davon allein 2.100 durch die sechs AJA-Mitglieder. Diese sind damit absolut führend und haben daher natürlich bis heute das gemeinsame Interesse, bestehende rechtliche Hürden zu beseitigen.“


Fachaustausch

Innerhalb des AJAs wurden diverse Fachgruppen zu Themen wie Ehrenamt, Gastfamilien, interkulturelles Bildungsprogramm etabliert. Ein wichtiges Ergebnis des fachlichen Austauschs sind die entwickelten Qualitätskriterien. Sie sorgen für Transparenz und Schreiben Standards für die eigene Arbeit fest. Das sechsseitige Dokument „AJA-Qualitätskriterien: Qualität im Jugendaustausch“ ist online veröffentlicht und beschreibt die Grundsätze und das Selbstverständnis der AJA-Mitglieder hinsichtlich ihrer Kernaufgaben; u.a. bezüglich der Auswahl von Schülern und Gastfamilien sowie der Betreuung und des Schutzes der Teilnehmer.

Frau Wildfeuer: „Dem Schutz und der Betreuung der Teilnehmer schenken die AJA-Mitglieder von Beginn an große Aufmerksamkeit. In der AJA-Arbeitsgruppe Health & Safty Management geht es um Schutz und Prävention. Mit Essstörungen, Sucht, sexuellem Missbrauch beschäftigen sich leider heute noch viele Austauschorganisationen erschreckend wenig oder teilweise gar nicht. […] Auch heißt Ehrenamtlichkeit und Gemeinnützigkeit nicht gleich gute Arbeit. Uns war es wichtig zu definieren, was dahinter steht. Wie Ehrenamtliche in die Arbeit eingebunden werden, wie sie geschult werden, wie die Organisationen ihre Arbeit weiterentwickeln.“



Expertise, die allen zugute kommt

Der Arbeitsalltag von Frau Wildfeuer gestaltet sich sehr vielseitig. Sie stimmt die Kommunikation unter den AJA-Mitgliedern ab, bereitet Arbeitsgruppensitzungen und Tagungen vor, steuert AJA-Projekte und Kampagnen, nimmt Termine mit Kooperationspartnern und Politikern wahr. Ab und an rufen auch Eltern an und bitten um Informationen. Gerade im Sommer wird der ein oder andere Visum-Problemfall direkt an Frau Wildfeuer herangetragen. Auch hier hilft sie gerne weiter. Insgesamt sind viele ihrer Tätigkeiten mit langen Prozessen verknüpft und so mancher Erfolg stellt sich erst Jahre später ein. Wie Frau Wildfeuer eindrücklich beschreibt, sind es vor allem ein langer Atem und Hartnäckigkeit, die den Erfolg der AJA-Arbeit in den letzten zwei Jahrzehnten erbracht haben.

Der Blick auf die Website des AJA lohnt sich, auch wenn man mit einem anderen Anbieter als einer der AJA-Organisationen sein Austauschjahr verbringt: So sind die Flyer zu den Richtlinien der Bundesländer für die Anerkennung eines Auslandsschuljahrs für Schüler und Eltern ein wirklicher Schatz. Sie ersparen mühsame Recherchearbeit. Alle, die sich über bestehende Regelungen in ihrem Bundesland zur Beurlaubung und dem späteren Wiedereinstieg in die Schule informieren müssen, finden hier kurz und knapp die nötigen Informationen.

Auch gilt es hoch anzuerkennen, dass die AJA-Mitglieder sich um gemeinsame Qualitätsstandards bemühen. Der Vorstoß im März 2000 einen Minimalkonsens in Form der AJA-Qualitätskriterien: Qualität im Jugendaustausch zu verschriftlichen und damit an die Öffentlichkeit zu gehen, hat den Austauschmarkt maßgeblich vorangebracht. Nicht wenige Anbieter sind damit in Zugzwang geraten, ihre eigene Arbeitsweise transparenter offen zu legen.


Das Interview führte Antje Richter (Redaktionsmitglied seit 2007).

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