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Mut

Meine Gastmutter war alleinerziehend, hatte 3 Kinder und meinte, dass sie mir Kanada zeigen möchte, etc.
Dann haben wir gaaaanz viele Mails geschrieben und ich war echt super-happy mit ihr. Nach 2 Monaten habe ich dann ihre Kinder bei facebook gesucht. Und dann schreibt sie mir ne Mail dass ich ihrem Sohn doch bitte keine Freundschaftseinladung schicken solle, denn der sei sauer auf sie und wohne gar nicht bei ihr, sondern bei seinem Vater. Und sie wolle ihm selber von mir berichten, wenn sie sich denn wieder besser mit ihm verstehen würde. Ja, ok, dumm nur, dass er damals schon die Freundschaftseinladung akzeptiert hatte. Naja, hab ich mir nichts dabei gedacht und ihn als Freund entfernt, so wie sie es wollte.
Dann ging es auf den Abflug zu und ich war immernoch echt zufrieden. Und dann erfahre ich, dass sie im Urlaub ist, wenn ich komme. Naja, dann haben wir das mit meiner Orga so geregelt, dass ich einfach zu einem anderen Flughafen fliege als geplant und sie mich dann da abholt. Ich komme also um Mitternacht an, total müde, kann nicht mal mehr vernünftig denken und gehe raus, um meinen Koffer zu holen. Ich suche meine Gastmutter und sehe sie nicht. Dann kommt plötzlich ne Frau auf mich zugestürzt und umarmt mich. Und fängt an zu labern, das einzige, was ich verstehe ist, dass sie mich gar nicht erkannt hat, weil meine HAARE anders als auf dem Foto sind! Da dachte ich mir auch, ja super, meine HAARE?! Vor allem, weil meine Haare ja auch SO anders aussehen und MICH so anders aussehen lassen. Naja, dann hole ich meinen Koffer und will ja nicht stumm neben ihr stehen und versuche also etwas über meine Immigration in Kanada zu erzählen, das war nämlich echt strange. Naja, sie guckt mich an, und ich sehe, dass sie mich nicht versteht, aber sie tut so, als ob sie mich verstanden hätte. Da habe ich dann aufgehört was zu sagen zu versuchen. Dann kommt endlich mein Koffer und ich lerne dann auch ihre Tochter und einen Freund von der Tochter kennen. Wir fahren dahin, wo wir schlafen. Ich bin total fertig, war fast 24 Stunden am Stück wach und es wird auf mich eingeredet in einer Sprache mit einem Akzent die ich kaum verstehe. Dann kommen wir auf dem Campingplatz an und sie hält vor nem Minizelt, wo wir zu viert drin schlafen werden. Ich wusste nicht, dass ich in einem Zelt schlafen würde, mit 3 anderen Menschen, die ich überhaupt nicht kenne (ich habe Rückenprobleme, leichte, und wenn ich auf ner Isomatte penne, dann kann ich mich am nächsten Morgen nicht mehr bewegen. Deshalb zelte ich nie.). Naja, was solls. Ich schlafe also ein, gegen halb 2. Und dann werde ich am nächsten Morgen um halb 7 geweckt! Halb 7! Ich bin total übermüdet, kann nicht denken, habe keinen Hunger und dann werden schon alle Sachen ins Auto gepackt. Als wir losfahren wird wieder auf mich eingeredet, aber ich verstehe nichts. Ich schlafe sehr schnell ein, aber ich finde, dass ist verständlich. Ich schlafe die ganze Autofahrt nach Quebec, die ewig zu dauern scheint, wir machen 2 kleine Stopps. Um Mitternacht kommen wir an, mir wird mein Zimmer gezeigt, das Bett ist nicht gemacht und mir wird Bettzeug gebracht, damit ich mein Bett machen kann (für alle, die es nicht wissen: In Kanada gibt es nicht solche Betten wie in DTl. Es gibt Kissen aber keine Decken. Man hat eine Wolldecke, ein Tuch und eine Überdecke, das alles legst du dann übereinander und stopfst das Ende unters Bett. Ich kann das nicht beschreiben, aber habt ihr euch schonmal über die komischen Betten in den Ami-Filmen gewundert? So sind die Betten hier.). Ich habe keine Ahnung, wie ich das fabrizieren soll. Da kommt meine Gastmutter rein und hilft mir. Ich gehe danach schnell Zähne putzen und falle ins Bett. Die nächsten Tage schlafe ich lange, aber weil ich Abends erst um Mitternacht ins Bett komme kann ich meinen Schlaf nicht aufholen. Tagsüber fährt meine Gastmutter mit mir durch die Stadt und stellt mich irgendwelchen Leuten vor, die ich nicht kenne (und die ich nie wiedergesehen habe). Dann erfahre ich, nach einer Woche, dass die Tochter bald für ein Jahr in die USA fliegt. Die andere Tochter wohnt gar nicht mehr zu Hause, also bin ich bald alleine. Ich bin die ersten beiden Wochen schon total traurig und frage mich, warum ich mir das angetan habe, warum ich ein Auslandsjahr gemacht habe. Ich bin wirklich unglücklich und finde meine Gastmutter nervig.
Dann fängt die Schule an und alle freuen sich so, dass ich da bin. Seitdem hatte mein Tag 2 Teile: Schule und zu Hause (was ich nicht als zu Hause bezeichne, weil ich mich nicht wohlgefühlt habe). Ich habe mir gesagt, dass das ja ganz normal ist, dass man traurig ist, dass man seine Familie vermisst. Und dann habe ich mir gesagt, dass es ja auch der Kulturschock ist. Immer, wenn ich mit meinen Eltern telefoniert habe, habe ich geheult wie ein Schlosshund. Ich habe nur 4mal mit ihnen telefoniert, nicht, dass jetzt jemand sagt, dass ich zu viel Kontakt hatte!
Meine Gastmutter kam eines Tages auf mich zu und meinte, dass ich ihr doch sagen solle, dass ich sie nicht mögen würde, dass ich wechseln wollte.
Nach 2 Monaten konnte ich nicht mehr. Wir hatten November, es ging auf den Advent zu der in Dtl wichtig ist. Ich war total fertig, habe viel geweint, in der Schule fiel auch auf, dass es mir nicht gut ging. Meine Gastmutter war an den Wochenenden nicht da, also war ich alleine. Ich habe also angefangen, mit meiner besten Frendin zu skypen, ich habe mich mit Leuten von hier getroffen, Kino, spazieren gehen, sonstwas. Mir ging es gut. Alleine.
Ich habe Mitte November eine Mail meiner Eltern bekommen, dass ich doch mal anrufen solle. Es war Freitag, meine Gastmutter war nicht da, also habe ich nach der Schule angerufen. Mein Vater ist rangegangen und ich habe seine Stimme gehört und geheult wie sonstwas. WIr haben geredet und er meinte, dass ich meine Betreuerin anrufen muss und dass ein Wechsel wohl am besten wäre, ich allerdings erst mit meiner Gastmutter reden sollte. Nach einer Stunde, in der ich nur geweint habe, hat er dann aufgelegt. Ich habe meine Betreuerin nicht erreicht und ihr so eine Mail geschrieben, dass ich unglücklich bin, dass ich aber nicht mit meiner Gastmutter reden kann. Erstens hat sie mich nie verstanden, zweitens ist sie sehr schnell beleidigt. Und ganz alleine mit ner Beleidigten Frau im Haus wollte ich nicht sein. Meine Betreuerin hat mir also gesagt, nachdem ich ihr meine Probleme geschildert hatte, dass ein Wechsel das beste für mich wäre. Ich wollte an meiner Schule bleiben und habe ihr das gesagt, sie meinte, das würde klappen.
Meine Organisation hatte eine Reise nach NY geplant, bei der ich mitgefahren bin. Kurz davor hat meine Lehrerin in der Schule, die auch die Ansprechpartnerin für meine Gruppe und mich ist, mit mir geredet, dass meine Betreuerin meinte, dass ich wechseln wolle, dass die Schulleiterin auch angesprochen wurde, und, dass sie sich Sorgen um mich gemacht hatte. Ich wäre immer trauriger geworden, etc.
Und dann bin ich nach NY gefahren.
Ich kam wieder und am Abend kam meine Gastmutter in mein Zimmer. Sie hätte ne Mail von meiner Betreuerin bekommen, ich wäre nicht glücklich und ein Gespräch wäre nötig. Was ich denn dazu zu sagen hätte?! Ich wollte ihr nicht sagen, dass so viele kleine Dinge, die sie gemacht hatte, mich verletzt hatten, dass ich nicht mit ihr zurechtkomme. Ich habe gesagt, dass ich einfach unglücklich bin. Sie ist dann abgezischt. Ich habe schnell meine Mails abgerufen, und meine Betreuerin hatte eine neue Familie für mich. Dann ging alles ganz schnell, am nächsten Tag konnte ich meine Sachen packen um am übernächsten Tag abgeholt zu werden. Ich habe meiner Gastmutter einen Brief geschrieben, in dem ich erklärt habe, warum ich wechsel. Und dann kam meine neue Familie. Es war die Familie einer Freundin von mir.
Ich kam an und habe mich gleich wohler gefühlt. Mir wurde das Haus gezeigt, mir wurden Fragen gestellt und mir wurde zugehört. Und ich wurde verstanden. Mir wurde der Tagesablauf geschildert und mein Zimmer gezeigt. Mir wurde beim Koffer auspacken geholfen.
An Weihnachten hat meine Familie angerufen und ich hatte Angst davor. Vor dem Wechsel konnte ich nicht mit ihnen telefonieren ohne zu weinen. Aber als ich sie dann gesprochen habe, habe ich mich gefreut, alle zu hören, aber ich war nicht traurig! Da wusste ich, dass ich glücklich bin, dass ich hier angekommen bin, dass ich in dieser Familie so akzeptiert werde, wie ich bin.

Im Nachhinein hat meine Gastmutter erzählt, dass sie jemanden wollte, der aktiver ist. Ihr sei schon am ersten Tag aufgefallen (im Auto), dass ich sehr ruhig war und ja eh nur geschlafen habe. Hallo?! Ich hatte seit 24 Stunden nicht geschlafen und ich konnte die Sprache nicht gut! Kein Wunder, dass ich nichts sage und viel schlafe! Außerdem hat sie mir noch die ganzen Hausregeln erzählt. Ihre Kinder hätten Hausaufgaben ja immer oben am Essenstisch gemacht, blablabla. Ja, gut zu wissen, dass sie mir das alles sagt, wenn ich weg bin.
Ich weiß, dass ich mich nicht immer richtig verhalten habe, aber ich habe mir den Arsch aufgerissen, um mich anzupassen. Ich habe aber auch ein bisschen Anpassung von meiner Ex-Gastmutter erwartet, was ich aber nicht bekommen hatte. Und dann hatte ich nach 2 Monaten einfach keine Kraft mehr und habe es aufgegeben.

Ihr fragt euch bestimmt, warum ich das hier schreibe. Naja, erstens möchte ich allen sagen, dass der erste Eindruck täuschen kann, ob jetzt im POSITIVEN oder im NEGATIVEN Sinn, das ist ganz egal. Zweitens möchte ich euch sagen, dass ihr nicht sofort verzweifeln sollt, habt die Kraft, haltet durch! Denn mir geht es jetzt super. Und drittens: Lasst euch von niemandem euren Traum vermiesen! Und wenn ihr euch nicht wohl fühlt, wenn ihr nicht mehr könnt: wechselt! Ihr habt das Recht darauf und lasst euch da von niemandem reinreden! Das ist euer Jahr und lasst euch das von niemandem verderben! :)

Auf diesen Beitrag gibt es eine Antwort:

Super Beitrag !

Super Tipps ! Thumb up


"Naja, erstens möchte ich allen sagen, dass der erste Eindruck täuschen kann, ob jetzt im POSITIVEN oder im NEGATIVEN Sinn, das ist ganz egal."

Ganz genau ! Man weiß vorher nie, ob man sich bei einer Gastfamilie wohlfühlen wird oder nicht.


"Zweitens möchte ich euch sagen, dass ihr nicht sofort verzweifeln sollt, habt die Kraft, haltet durch! Denn mir geht es jetzt super. Und drittens: Lasst euch von niemandem euren Traum vermiesen! Und wenn ihr euch nicht wohl fühlt, wenn ihr nicht mehr könnt: wechselt! Ihr habt das Recht darauf und lasst euch da von niemandem reinreden! Das ist euer Jahr und lasst euch das von niemandem verderben! :)"

Genau so ist es ! Anstatt sofort abbrechen zu wollen, sollte man zuerst alles versuchen, um seine Situation zu verbessern. Schließlich war das Austauschjahr über lange Zeit ein großer Traum und es lohnt sich, dafür zu kämpfen !

Diskussionsübersicht - Thema:
5.1.2012
Anna S. Kanada 2011/12
Mut
5.1.2012
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